Montag, 30. Mai 2011

Die Muster des Zusammenspiels

Ryuichi Sakamoto und Alva Noto spielten gemeinsam in der Oper Leipzig

Chemnitz hat einen Ruf weg. Als hässliche kleine Schwester von Leipzig und Dresden, wenig aufregend und der Titel „Stadt der Moderne“ wird allerhöchstens spöttisch verwendet. Dass dies ungerecht und ein Zeichen von Ignoranz ist, zeigt der Sitz des Labels raster-noton in genau dieser Stadt. Gegründet als „Archiv für Ton und Nichtton“, exportiert es seit über zehn Jahren erfolgreich abstrakte elektronische Musik in die ganze Welt. Begründer Carsten Nicolai, gebürtiger Karl-Marx-Städter, ist auch die zentrale Figur des musikalischen Geschehens. Das Verdienst seiner Musik, die er als Alva Noto veröffentlicht, besteht in der Abkehr vom Ornamentalen. Gesammelte Störgeräusche wie Klicken und Zischen werden nicht als Dekoration einer ansonsten allen Regeln gehorchenden Musik verwendet, sie allein sind die Musik. Diese führte Nicolai bis nach Japan. Auf seiner ersten Tour traf er Ryuichi Sakamoto, einen erfolgreichen Komponisten, Einflüssling, Pionier – eine Legende. Carsten und Ryuichi beschlossen zu kooperieren.
Jetzt trafen sich in der Oper Leipzig wieder Osten und Westen, oder, je nach Betrachtungsweise, Osten und Osten: Ryuichi Sakamoto und Alva Noto luden zum Konzert. Der Japaner am Flügel, der Deutsche hinterm Computer. Und sie packten richtig zu. Kein aufreibendes Zelebrieren von Stille zwischen Klavierakkorden und auch kein reines Fest der Störgeräusche war dies sowohl akustisch als auch visuell tatsächlich ein Konzert mit einer greifbaren Interaktion zwischen zwei sehr unterschiedlichen Künstlern. Ein meterbreiter Bildschirm in der Bühnenmitte machte jeden gespielten Beitrag sichtbar:
Erzeugte der Elektromusiker mit dem Anschlagen eines Tons eine Farbfläche, schnitt der Pianist Löcher hinein. Entstanden einmal unvollständige weiße Rauten, wurden jene, ausgelöst durch das Spiel des anderen, ergänzt. Um gleich wieder zu verschwinden. Jedes Stück präsentierte eine andere bildliche Grundidee, geometrische Muster und Farbverläufe wechselten sich ab. Äußerst reizvoll war die perfekte Synchronität der Ereignisse, das sekundengenaue Korrespondieren von Klicklauten mit Lichtblitzen. Dabei entstand aber nicht der Eindruck, jemand habe Instrumente an ein EKG angeschlossen. Eher wurden Bilder gemalt. Die Musik selber zeigte sich zugänglich, Alva Noto legte rhythmische Fundamente, Sakamoto breitete sich mit dem Flügel darauf aus. Wie oft bei E-Musik waren die tiefen Töne die beliebtesten, erzeugten Körperlichkeit und überwanden den Kopf, den rationalen Bewerter. Der Abend war eine Einladung zu synästhetischen Erfahrungen für Außenstehende, aber kein Abend offener Münder, kein Überwältigungsversuch, was hoch anzurechnen ist. Zum Freuen auch die Wohlerzogenheit des Publikums: Untypisch für diese Art von „visuellem Spektakel“ war es bereit, die Vergänglichkeit der Aufführung zu akzeptieren; niemand machte den Versuch, mit dem Handy zu filmen. Hinterher hatte man Angst. Wie nach einem Traum machte sich die Befürchtung breit, man könnte alles sofort vergessen.

Sonntag, 29. Mai 2011

YOUTH AGAINST STREET ART

Mittwoch, 25. Mai 2011

Prügelknabe und Pop(pers)-Prinzessin

Lady Gaga ist für alle da

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes hat im Mai 2011 Stefani Germanotta, weithin bekannt als Lady Gaga, zur einflussreichsten Berühmtheit der Welt erklärt, auf Basis einer Formel, die Einkommen und Medienaufmerksamkeit verrechnet.
Ein Gehörloser fragt ganz aufgeregt: "Wird sie uns jetzt mit ihrer Macht unsere fehlenden Sinne zurückgeben?" Denn Gaga ist bekannt dafür, ein großes Herz für Randgruppen zu haben. Immer, wenn sie eine neue entdeckt, weint sie ihr Klavier voll und schreibt ein Mutmach-Lied. Ein bisschen wie Rolf Zuckowski. Lady Gaga ist vielleicht doch nicht der größte Popstar, aber mit Sicherheit der sentimentalste.
Musikalisch macht sie Fortschritte, die Lieder des neuen Albums Born this way erinnern an Daft Punks Aerodynamic und klingen wie die Fahrt auf einem Highway. Aufgekratzte Untote in Cabrios rasen um die Wette und haben dabei pinke batteriebetriebene Lutscher im Mund. Der Himmel hängt voller unechter Gitarren. Kirchenglocken donnern. Gagas Stimme, ein beinah männliches Contralto, ist eigentlich eine Art Versprechen: Schluss mit quietschenden Girlies! Dass sie trotzdem immer wieder ins aguilera-hafte abrutscht, zeigt die große Schwäche des Systems Gaga. In ihrer Offenheit kann sie sich auf nichts festlegen. Sie will für alle gleichzeitig da sein, Schulmädchen, Hausfrauen, ihre schwule Fangemeinde.
Gaga: auch in katholischen Kindergärten populär

Gelungen ist der Versuch, physisch beeindruckendes herzustellen – die einen übergeben sich beim Kontakt mit der Wucht des Leder-Dance, die andren lassen sich begeistern, sogar von Gagas irritierendem Hang zum profansten Pop-Stilmittel, dem Synchrontanz. Der scheint in erster Linie dazu da zu sein, dem Betrachter zu verdeutlichen, dass derjenige, dem bedingungslos nachgetanzt wird, sehr viel Macht hat. Dies ist zwar jetzt offiziell laut Forbes, steht aber trotzdem in direktem Widerspruch zur Selbstbefreiungs-Message – in Lady Gagas Videos gibt es immer noch Unterdrücker und Unterdrückte.
Oft tritt sie als eine Art Robocop auf, der von einem Libidoprozessor befeuert wird, in Gigahertz-Geschwindigkeit zwischen notgeil und asexuell hin- und herschaltend. Zwar dokumentieren Fans mittels Gagapedia jede Verkleidung, jedes Accessoire, für den durchschnittlichen Betrachter aber ergibt die schiere Masse der Verkleidungen eine große Unordnung. Gaga macht den Fehler, davon auszugehen, sie würde seriell, also in einer festen Reihenfolge wahrgenommen. Doch trotz ihrer futuristischen Visionen: Nicht jeder Mensch hängt am Tropf des Tagesgeschehens – ihre Kommunikation ist nach wie vor unausgereift. Sie ist weniger eine Meisterin der Provokation als eine Sklavin der Missverständnisse.

Freitag, 13. Mai 2011

"Was ist das für Musik?"
"Shoegaze"
"Schuhgeiz? Haha, das passt zu dir! Kauf dir mal neue"

Mittwoch, 4. Mai 2011

John Foxx And The Maths

Musikcomputer am Abgrund der Langeweile

Der alte Foxx ist wieder da! Wo andere Menschen im Alter hochfrequente Piepsgeräte aufstellen, um die Jugend von ihren Rasen fernzuhalten, sendet Großvater John 2011 neue Signale in die Vororte, um Freunde zu finden. Zwei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren, errichtete er 1978 mit Hilfe eines Deutschen die Grundfesten des Synthiepop.
Systems of Romance hieß das Album, auf dem Foxx' Band Ultravox als eine der allerersten Gruppen Drummachines verwendete und unwissentlich Schulbusse voller späterer Musiker in Richtung Erfolg entführte. Wobei es für die Einflussnahme auf andere eher Belege gibt, enthusiastische Nennungen in Interviews etwa, als dafür, wer nun wirklich der Erfinder der elektronischen Musik sein könnte, wer den entscheidenden Beitrag geleistet hat.
Foxx begann bald eine Solokarriere, veröffentlichte Metamatic, ein robotisches Werk voll computerisierter Gesänge. Danach aber war er die nächsten dreißig Jahre nur sichtbar für ein sehr interessiertes Publikum, während Ultravox mit neuem Sänger große kommerzielle Erfolge wie Dancing with tears in my eyes erlebten.
Dem Ultraschallruf des Piepsgerätes folgen Mädchen, die Foxx‘ Geschichte kennen, aber nochmal hören wollen, und spätgeborene Jungs, die wild auf die Tricks des Alten sind. Die Erwartungen an einen Miterfinder des minimalen Elektropop sind schließlich groß. Wann gehen wir in DEN Keller? Dort soll eine ganze Sammlung alter Synthesizer stehen! Aber der Schreck ist groß – wie riesige Mondbären in einem asiatischen Gallenblasen-Anzapflabor stehen diese kabelstarrenden Wände da, fassungslos von Langeweile und Unterforderung.
Obwohl geschaffen, um zu erschaffen, zu synthetisieren, dürfen sie, getrieben von einer quälerischen Meute retrophiler Schundärzte seit 1980 jeden Tag 1 x 1 berechnen. Wie ein Maler, der gezwungen wird, täglich mit Filzstiften Marienkäfer zu zeichnen. In der Synthiebastei besteht man auf den mittlerweile wieder beliebten monophonen Taschenrechner-Klang. Was für ein glücklicher Zufall, wenn die selbstgekochte Marmelade von damals plötzlich wieder den Enkeln schmeckt.
Eigentlich möchte man sich mit der Kritik zurückhalten und dem Fuchs gerührt den späten Spaß gönnen. Interplay heißt seine neue Liedsammlung – Wechselwirkung, Zusammenspiel. Wie die Maschinen aneinander vorbeispielen, ist enttäuschend. Eventuell ist aber gemeint: das Spiel mit denjenigen, die man damals inspiriert hat.

Sonntag, 1. Mai 2011

Kochen...
Ist das Kakao, was da oben auf dem Schaum schwimmt?
Muskatnuss. Aber fast richtig.