Freitag, 19. Dezember 2014

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (9-12)

9 Hallo, ist eigentlich gut, dass meine Geschlechtslosigkeit keine Rolle in meiner Erzählung spielt? Müsste ich es thematisieren, warum ich mein Geschlecht nicht angebe, geschweige denn wirklich kenne? Glaubt mir das irgendwer? Macht mich jeder zu dem, was er*sie möchte? Funktioniert das? Wird das Geschlecht der Person, die hinter all dem steht, weil bekannt, doch auf mich projiziert?

10 Neulich fiel mitten in der Nacht die Autoheizung aus und ich musste ein paar Bücher verbrennen. Dabei wählte ich sorgsam Human only-Bücher, Hasstexte, von denen ich ohnehin keine “verkaufen” möchte. Weil sie mich langweilen. Sie rochen gar nicht gut, manchmal fauchte das Feuer, bildete Blasen, die den Gesichtern der Autoren ähnelten.
Ich muss bald meine Eltern besuchen, ihnen beibringen, dass ich nichts mehr bin. Vater ist von Beruf Landplätter, er fährt eine große Walze und macht damit gezielt Berge platt, in teilweise wochenlanger Schwerstarbeit, hin und her, immer wieder über den Gipfel, dann ins Tal. Die Talfahren sind die gefährlichsten. Klar, oder?
Mutter hat einen noch viel härteren Job als er. Sie ist Leuchtturmwärterin auf einer Ebene, deren Namen ich nicht weiß, sie hat auch mehrere Türme zu betreuen, teilweise muss sie sie stützen, wenn ein Einsturz droht, mit ihren Schultern. Hält dann tagelang die Stellung, bis jemand mit Reparaturmasse kommt.

Wozu ein Leuchtturm auf weiter Flur, ohne Meer? Nun, es geht dennoch um Orientierung. Ein Land ohne Eigenschaften kann in allen Himmelsrichtungen gleich aussehen und passt man nicht auf, fährt oder reitet oder läuft man tagelang in die falsche Richtung.

11 Heute muss ich zur Abwechslung mal was verkaufen. Halte in einem Wäldchen, bau meinen Tapeziertisch auf, Bücher drapiert, warten. Dauert etwas. Drücke auf die Hupe. Sie spielt nacheinander verschiedene Tiersamples ab.

Uhuu! Wuff! Grrrr! Baubaubau! Tock, tock! 

Ich bin der Eismann, nur mit Kleingedrucktem.

Ein Rauker mit Rucolazigarette löst sich aus dem Gebüsch. So eine Art Pflanzwesen. Weiß ich doch nicht. Bin genervt. Der Busch pustet, kommt näher. Befingert die Bücher. Warum bin ich so feindselig? Habe halt schlecht geschlafen, seit Stunden nichts gegessen. Jetzt kauf was. Sonst muss ich mein Auto irgendwann abgeben, doch. Die einzige Bedingung eben. Der Kofferraum muss leer werden. Natürlich muss ich irgendwann mal alles abrechnen. Langweilig!

Vorhin visierte ich, auf der Fahrt zum Wäldchen, ein Schnellrestaurant an. Kleiner Punkt am Horizont, wie immer. War außer Betrieb, als ich ankam. Scheiben eingeschlagen, Kühlhaus leer. Er zeigt irgendwo drauf. Raschelt. Ein Menschenbuch. Kochen für Langweiler. Alles klar, das reicht für heute. Ich frage ihn, ob ich ein paar Beeren von seinem Kopf pflücken darf.

12 (Noch immer auf der Lichtung, hungrig. Mit meinem Kunden, dem Buschwesen.)

Shelby: Lass uns was kochen.

Busch: Ich kann nicht lesen, was in dem Buch steht.

Shelby: Hier: “Beerenchutney für shut-ins.”

Busch: Shut-ins sind keine Langweiler. Das ist ein fieses Buch.

Shelby: Manchmal schließe ich mich in mein Auto rein. Alle Drücker runter.

Busch: Drücker. Du hast keine Ahnung von Technik. Das nennt man Türpin oder Türknopf.

Shelby: Ich muss sowas nicht wissen. Bin hart wie Marmelade.

Busch: NDW. Neue Dürrewelle. Ein schlimmer Song.

Shelby: Wollen wir ein bisschen Benzin trinken und rumfabulieren?

Busch: Habe mal schwere Verbrennungen erlitten, als ich mit Menschen trank. Sie lachten, anstatt mich zu löschen.

Shelby: Ich leg mich jetzt ins Auto. Möchtest du noch ein Buch? Ich schenk’ dir eines. Kann dir auch was aussuchen.

Rascheln. Der Busch verschwindet im Gebüsch.
 
 
Copyright © Unklare Anweisungen.
Blogger Theme by BloggerThemes Design by Diovo.com