Freitag, 5. Dezember 2014

Busreisen / Jugendliche / Inseln / unfertig

DIESIGER TAG. EINE SCHÄBIGE HÜTTE AN EINER KLIPPE. JEMAND HUSTET. TÜR GEHT AUF. DER MANN TRITT VOR DIE  TÜR. SPUCKT AUF DEN BODEN. ER HAT EINE SCHROTFLINTE. ER TRITT AUF KLEINE SüßE TIERE. ES WIRD KEINE VERÄNDERUNG GEBEN, KEIN WACHSTUM, KEINE ANNÄHERUNG. 

„Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“
alle Charaktere (Katze, Hiet, Rufender, Schrubbender und Hinnerk antworten zu Beginn) 

(Meeresrauschen, Tür knarrt)

Hermann Hiet tritt hervor, ein 45jähriger Mann, der aussieht, wie eine abgemagerte Version von Anders Brejvik, ganz ohne Muskeln, die Haare grau. Er spricht normal, keine psychotischen Spitzen, aber er macht einem Angst. Sehr berherrscht, fast manierlich. Kein Mitgefühl.

Hermann Hiet
(spuckt aus) Schuhe müssen glänzen. Gerade am Ende der Welt.

(Schrotflinte wird geladen und abgefeuert, Vögel flattern davon)

Hermann Hiet

Wer hat schon wieder an meinen Eingeweiden herumgenagt?

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Ach, halt doch die Fresse, Hermann.

Die lasche Katze
Hermann Hiet. Er ist hier im Exil gelandet, nachdem er einen Bus voller Jugendlicher auf Klassenfahrt mit selbstgebranntem Schnaps tötete, Miau.

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Und weiterfuhr. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kam er am Ziel an, den Bus voller Leichen, als wär nichts gewesen.

(Nebelhorn ertönt)

Hermann Hiet
Das Postschiff! Endlich Unterhaltung. Bücher, Briefe der Eltern, Fachmagazine. Das ist aufregend. Hier z.B.
(räuspert, liest gelangweilt vor)
Methanol. Dieser einfachste Alkohol erzeugt beim Abbau den Formaldehyd, der stark toxisch ist. Die Erblindung und der Tod kommen jedoch durch die aus dem Formaldehyd gebildete Ameisensäure zustande. Der Mensch kann Ameisensäure nur sehr langsam abbauen. Es kommt zu einer Azidose, einer lebensbedrohlichen Verschiebung des pH-Wertes von Körperflüssigkeiten ins Saure. Am empfindlichsten reagieren die Nerven. Als erste Symptome kommen Kopfschmerzen, dann wird der Sehnerv zerstört. Der Tod kommt dann durch eine Atemlähmung zustande.“

Diese Jugendlichen waren bösartige Mäuse, sie fraßen sich durch alle Polster meines Busses, zündeten auf dem Klo ein Feuer an. Auf dieser Raststätte in den Niederlanden habe ich sie dann gekriegt. Versöhnungstrunk im leichten Regen. Orange Straßenlampen, sie waren ganz aufgedunsen vor Sentimentalität.

Jetzt bin ich hier, im Exil, und ein Gericht hat das größtmögliche Strafmaß gesprochen: maximale Rastlosigkeit durch Verbot von Lohnarbeit. Den Rest meines Lebens. Darf ich mich um mich kümmern, für mich kochen, mein Essen jagen, überleben. Aber Überleben ist langweilig.

(Rumpeln wie bei einem Erdbeben, alle, die in einer Schlange vor dem Postschiff stehen, zucken zusammen. Gemurmel, das nach Gebeten klingt, brandet kurz auf. Dann übernehmen die schreienden Seemöwen sowie das ans Ufer klatschende Meer wieder. Man hört den Postboten ruffeln.)

Katze, Hermann (zugleich, lauter)
Das war Hinnerk, der Fräßling.

Inselbewohner
Der Hinnerk hat wieder zugebissen. Siehst du das da? Das sind keine Monde. Das sind die Augen vom Hinnerk. Jedes Jahr beißt er ein Stück der Insel ab. Dem Hermann macht das ordentlich Schiss.

Die lasche Katze
Aber uns nie.

(Postbote händigt Hiet eine leichte Box aus.)

Postbote
Hiet, die Bezahlung! Die Dinger sind sehr teuer!

(Hiet grummelt, man hört ihn einen Brief aufreißen. Dann raschelt Geld, der Postbote salutiert und zieht sich auf sein Boot zurück, die Menge vor dem Schiff ist bedient und zerstreut sich. Man hört, wie Papier ins Wasser fällt.)

Hermann Hiet
(beleidigt grummelnd)

Muttern und ihre ellenlangen Klagebriefe. Wenn sie wenigstens mehr Geld schicken würde, würde ich sie sogar lesen. Und das nächste Mal erschieße ich diesen Postdeppen. Bringt mir nur Dreck. Kataloge statt Büchern, die brennen nicht mal anständig.

(Hiet schüttelt den leichten Behälter in seiner Hand, entsetztes Piepsen.)

Wenigstens die Küken hatte er dabei.
 
 
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