Dienstag, 11. November 2014

Ello und Sozialistischer Realismus

Die Plattform Ello kitzelt bei einigen alte Blogreflexe, es wird wieder geschrieben, nicht zu knapp, man genießt das Fließen der Buchstaben, lässt sich ein bisschen gehen, stößt nicht dauernd gegen Zeichenmauern.
Die so entstehenden Texte erinnern mich aber auch an sozialistische Jugendbücher, sie fangen an mit:

"Neben dem Kondomwerk in Jena stand eine gewaltige Buche. Der Sommer 1981 war sehr heiß. Wir tranken Limo und gingen jeden Tag angezogen baden."

 Oder sie klingen nach Vati, der beim Therapeuten endlich den Mund aufkriegt, vor allem über seine Arbeit:

 "Zu meinen Aufgaben am Fließband gehört es auch, die Puddinghaut von den frischen Motoren abzuflammen. Kaum geboren, schon komme ich mit meiner Gasflamme. Der Kollege kratzt dann mit einem Schaber die verbliebenen Reste runter. Oft isst er sie."

Ich weiß nicht, wie vielen Menschen der Sound des sozialistischen Realismus (in Jugendbüchern) jetzt direkt im Ohr liegt, aber er ist gekennzeichnet von Details, Schwüle, einer gedrückten Stimmung, in den Büchern, die ich las, war es wirklich immer Sommer, man stromert über die Heide und beschreibt jede Pflanze im Detail, schürft sich das Knie realistisch auf, man kriegt beim Lesen Durst, es ist schrecklich. Das ohne Abstraktion konservierte Elend könnte allerdings in ein paar Jahren - oder vielleicht jetzt schon? - wieder interessant werden, ähnlich wie bei alten Zeitschriften, denen auch nicht ein kruder Kunstgedanke zu Grunde liegt, sondern die Bündelung von reiner Information.

 
 
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