Samstag, 16. März 2013

The Nomad Soul And I

Ich habe "The Nomad Soul" jetzt zum vierten Mal in meinem Leben gekauft. Hier die Chronologie:

1999 - Test in der Bravo Screenfun, Note "1-". Aussicht auf eine völlig neue Spielerfahrung, eine Stadt, in der jedes Gebäude begehbar sein soll.

2000 - Mein damaliger Suchtlebensmittelpunkt und Zulieferer von Game Boy-Modulen (Arno Jordan Technik A&V, Gambrinusstr. 8, Dresden) hatte überraschend Nomad Soul in einer einigermaßen schönen Originalbox vorrätig, in mir blinkte das Wunder von 1999 auf. Aber man sagte mir mit etwas Häme, dass ich zu jung sei und eher notgedrungen entschied ich mich dann für Final Fantasy VIII, auch im Karton. Darauf ein Bild von Squall Leonhart: meine erste Bekannftschaft mit Androgynie lange vor Brian Molko.

Die Filiale ist nicht mehr.














2001 - Auf einem sonnig-deprimierenden Rügenurlaub, den ich hauptsächlich mit Bungalowzeit, herumwandern in Pokémon-Spielständen anderer Menschen und gebrannter Linkin Park-Musik im Discman verbracht habe entdecke in einem Wochenprospekt eine Ankündigung für die Budgetversion von Nomad Soul.

Sexy motherfucker Rügen


Ein Nachbar verkaufte mir einen Computer für 700 DM ,- (K6-2 mit 400 MHz, 64 MB RAM, Riva TNT. Lüfter mit 90 dB.) Ein schlechtes Angebot, aber ich fand bei ihm auf einer PC Games-CD die Demo von Nomad Soul.
Diese erweckt in mir ein Gefühl, das ich danach nur noch selten spüren sollte - der vielleicht pathetische, aber wahre Wunsch, ich müsse eine virtuelle Welt nicht mehr verlassen.
Ganz wie es der Plan von Bowies Management vorgesehen haben muss ist dies nach einer Rolling Stone-Compilation (Rare Trax Vol. 01, David Bowie - Telling Lies [Feelgood Mix], 1997) mein erster intensiverer Kontakt mit der Musik von David Bowie.

Das Hauptspiel war ein gutes Stück Arbeit, aber ich erinnere mich an die verschiedenen Distrikte, als wäre ich dort im Urlaub gewesen. Goldenes Jaunpur. Ein wesentlicher Grund, der Welt von Nomad Soul zu glauben sind die Buchläden, in denen es aktuelle Zeitungen, Geschichtsbücher und Gedichte zu kaufen gibt. Diese Texte funktionieren, weil sie keine Lore in Schriftgröße 7 sind.
Bei späteren Sitzungen fällt mir auf, dass das Drumloop des Anekbah-Themas (im allerersten Distrikt) mehrfach ungeschickt stolpert.

Budgetversion von 2001 ... Sigh.
2006 Ich habe Fahrenheit gespielt. David Cage, der Autor von Nomad Soul, entpuppt sich als Versager. Keine Welt bricht zusammen.

2009 The Nomad Soul läuft nicht mehr ohne weiteres auf modernen Computern, bei einem meiner wenigen Leipzig-Besuche kaufe ich die oft gescholtene Dreamcast-Version. Hauptunterschied zu früher: weniger Glanz, mehr Nebel. Fehlende Ambientmusik in den Distrikten.


2012 Meine Budget-Version von 2001 ist längst verloren, in einem Dresdner Laden entdecke ich eine Box-Version, leider nicht mit dem Bowie/Boz-Artwork. Nach der Installation dann ein mulmiges Gefühl. Merkwürdig zerfressene Farben:

"What you might be experiencing is the absence of dithering. Older 3D games that ran a 16-bit frame buffer would rely on the video card to dither the display up to a perceptual 24-bit color. However, for the last several years video card manufacturers have been droppping this capability from their drivers, resulting in DX6-era games and earlier becoming much uglier." (Quelle: http://bit.ly/YxOrfg)

2013 Good Old Games nimmt Nomad Soul in den Verkauf auf und nimmt dafür immerhin 9,99$. Mit einer gewissen Treudoofigkeit nehme ich den Preis hin, schließlich werden sie wohl kaum eine Version mit offensichtlichem Color Banding in den Verkauf lassen. Schließlich ist GOG der Gnadenfriedhof der definitiven Versionen, mit reichlich Bonusmaterial als Grabbeigaben. Ein erster Test ergibt, dass das Filterproblem offenbar gelöst wurde, wahrscheinlich mit einem Postpro-Filter, der allerdings ab und zu aussetzt. Weitaus enttäuschender ist, dass sich dafür neue Grafikfehler eingeschlichen haben, die offenbar keiner sehen wollte. Eine der wesentlichen technischen Neuerungen 1999 war der fließende Übergang zwischen Straßenszenen und den diversen Läden und Apartmentblocks. Eine Drucklufttür öffnete sich und bereits von draußen war das Innere eines Geschäftes sichtbar, beim Betreten wurden die Daten im Hintergrund gestreamt. Dieses Feature wird in der GOG-Version der Lächerlichkeit preisgegeben, denn Türen öffnen sich, aber dahinter zeigt sich nur eine verwirrende Mischung aus den dahinterliegenden Gebäuden und etwas Fußboden.
Blick in Gebäudeinneres getrübt
















Omikron ist eine vernebelte Welt, die Sichtweite reicht dennoch reicht weit. Dadurch wird der Nebel, ähnlich wie bei Silent Hill oder das Fett in der Pfanne, zum Hauptgeschmacksverstärker. In der "definitiven" GOG-Version tauchen aber immer wieder grellblaue, monofarbene Flächen ohne Abstufungen auf. Auch im Polizeirevier, dem grün ausgeleuchteten ersten Arbeitsplatz, wird das grün immer wieder durch blaue Tupfer zerrissen. Dass diese Probleme meinem Computer geschuldet sein könnten habe ich bereits ausgeschlossen. Selbst die aktuelle Warez-Version vom letzten Jahr hat zwar die Dithering/Banding-Probleme, aber im Licht der neuen Grafikfehler sind die eher als geringfügig einzuschätzen.

Blue Fog of Death














Diese Beschwerden sind keine Beschwerden, sondern eher Verwunderung, warum diese Version veröffentlicht wurde. Sie ist sicherlich spielbar, aber in einer Spielerfahrung die maßgeblich auf Atmosphäre setzt, welche mangelhafte Spielmechaniken überstrahlt, ist das unverzeihlich.

3.4.2013 GOG veröffentlicht einen Patch, der alle Nebel- und Türprobleme erfolgreich beseitigt.
 
 
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