Sonntag, 28. Dezember 2014

Auszug: Vinzenz' Videospieljahr.

Die meisten AAA-Titel gehen jährlich an mir vorbei, dadurch bleiben mir viele von diesen eigentlich absolut absehbaren Enttäuschungen erspart – ich meine, wie seltsam muss man sein, um sich auf einen Hirnfurz wie Watch Dogs so richtig zu freuen? Wo ist da das Enttäuschungsgefälle? Bereits aus den allerersten Bildern vor Jahren war die Dummheit dieses Spiels ableitbar. Diese Launchenttäuschungszeit bei großen Titeln gibt mir immer wieder Rätsel auf. Nun, ich kaufe mir also auf Steam lieber alte Spiele, wie zum Beispiel BloodNet:
BLOODNET ] & [ SHADOWRUN: DRAGONFALL ]
BloodNet ist eigentlich von 1993, kam aber dieses Jahr auf Steam raus. Das Spiel ist greifbar cool. Unterkühlte Menschen mit Digiportraits reden scheinbar wirres Zeug, aber es macht so viel Sinn. Für mich ist VERWIRRUNG das Leitmotiv der Zukunft, dazu gehören ZWINGEND abstruse und alptraumhafte Interfaces. Tom Cruise kann gerne in der Luft rumwischen. Ich will fummeln. Neuromancer z.B. simuliert BBS-Mailboxen mit entsprechenden Texteingaben – geil. Kann sein, dass ich BloodNet nie durchspielen werde, aber das ist mir egal, für mich ist es wie Ausgehen mit kaputten Menschen. Sinnhaftigkeit spielt da eine untergeordnete Rolle, es geht um alberne Orte und schiefe Musik. Für mich ist BloodNet der Film Liquid Sky als Computerspiel.
Dragonfall wollte ich hassen, denn es begann mit dem Ernst von Schultheater, Dinge werden “vom Mondlicht beschienen”, irgendwer “lächelt sauer”, oder “fährt sich durch das kurze, schwarze Haar” und die Lakonie der knapperen Sätze wirkt erzwungen, weil sie umstellt sind von anderen Sätzen voller hechelnder Adjektive. Klingt nicht gut für ein Textadventure mit unterstützenden Grafiken, es wird aber nach der ersten Schlauchmission wesentlich erträglicher. Ja, ich bin der Textmensch von Shodannews, das bringt mich zu…

CHOICE OF THE DEATHLESS ] vs. [ SHADOWGATE REMAKE ]
Ich kannte den Katalog von Choice of Games bereits vom Appstore meines Uralt-Palm-Handys, dort fiel mir immer deren strenge thematische Limitierung auf – es gab ein Spiel über Vampire, das Anne Rice nachäffte, andere mit Ninjas, Piraten, Superhelden. Choice of the Deathless ist freier, die Prosa manchmal etwas klebrig, aber insgesamt hochspannend, weil es es schafft, sich zwischen Grim Fandango, Shin Megami Tensei und Ally McBeal zu positionieren. Richtig gut. Habe mir, wie Aule (finde übrigens sehr cool, mit meinem IF-Interesse hier nicht allein zu sein), auch noch ein paar andere Spiele gekauft (Choice of Robots etwa), aber die sind mir größtenteils zu brav. Macht aber nichts, die kriegen weiter mein Geld.
Das Shadowgate-Remake war irgendwie nichts. Man klickt halt auf Standbildern rum, die mit hochwertig gemeinten Effekten “belebt” werden sollen, alles ist zäh, unreaktiv, die Texte blubbern vorbei wie Dünnschiss im Rinnstein einer Mittelalterstadt. Aule kaufte sich wegen mir Shadowgate 64, mein Lieblingsspiel. Weiß man ja. Aber das hier ist einfach nur eine zusammengestoppelte Fantasy-Geisterbahn, kein Raum passt zum nächsten, mies proportionierte, unfertige Zeichnungen. Ein weiterer Beweis dafür, das die meisten nostalgischen Kickstarter-Projekte eigentlich nie veröffentlicht werden bräuchten – ein Steam-Key an die “Bäcker” würde genügen. Hier, friss dein altes Brot, an dem mit rumgeknetet hast. Ja, dein Name steht auf dem Etikett unten am Brot. Kann man mitessen. Muss man aber nicht.

EIDOLON ] & [ HEAVY BULLETS ]
Zwei Spiele wie eine Doppelbeerdigung. Eidolon, ein weicher Lustwandelemulator, mit “Notizen” und “Tagebucheinträgen”, bisschen Überlebenskram, ansonsten Innerlichkeit pur. Schau, ein Reh. Schau, der Nebel. Ein Busch! Mhmm. Beeren. Müsste eigentlich extrem langweilen. Jeder Frame wäre gerahmt ein hübsches Motiv, die Musik säuselt. Aber. Die Grafik ist interessant, sie bietet Umrisse von Bäumen, löst damit Naturerinnerungen aus, die man so im Kopf hat. Ein konkret nachgebildeter Baum im Computerspiel kann nie gewinnen, er ist ein ein Abklatsch. Aber die Pfade, auf denen man latscht, sind ausgetreteten, das Wandergenre ist am Ende. Eidolon ist ein würdiger Abschluss dessen. Würdiger als die Naturkitschorgie The Vanishing Of Ethan Carter, die dumme Gamesredakteure zum einzigen Kunstvergleich hinreißt, den sie ihren Hirnchen abpressen können:
DAS – KEUCH! – SIEHT JA AUS WIE – CASPAR-KEUCH-DAVID-FRIEDRICH-UFF! Erstmal ein NicNac essen! Es ist ein Kunst! Ein großer Kunstwerk! 2007 oder so wünschte ich mir mehr Spiele, in denen die Landschaft zum Hauptgegner ist – es gab nichts. Heute gibt es genug. Es ist vorbei.
Hört auf, säuselnde Naturspiele zu machen, verschwendet eure Zeit nicht. Kerle vor die Säusel.
Zu Heavy Bullets schrieb ich bereits einen Eintrag, ich zitiere daraus: “Heavy Bullets ist übrigens toll. Glaubhafte Vegetation durch Abstraktion, eine Shootermechanik mit begrenzten Kugeln, die man immer wieder einsammeln muss, wodurch blindes Geballer komplett wegfällt, trotzdem äußerst schnell. Außerdem eine akzeptable Auslegung der mittlerweile müffelnden Neon-Palette.”Ja, Cyan und Magenta, Oma und Opa, die irgendein fieser Arsch irgendwann mal exhumiert hat, jeder durfte mittlerweile mal ran, nächstes Jahr kommt der Nekrophilen-Superbully “Hotline Miami 2″ und wird … es nochmal tun. Ja, Hotline Miami ist der Fritzl unter den Videospielen. Vielleicht sollte ich diesen Vergleich ausbauen? Nö. Heavy Bullets ist jedenfalls beinahe mein Spiel des Jahres. War ein Geschenk von Onkel Toni.

BIK – A SPACE ADVENTURE ] vs. [ MOEBIUS: EMPIRE RISING ]
Adventures sind vorbei, das haben dieses Jahr ausgerechnet die bewiesen, die das mit Sicherheit nicht wollten. Broken Sword 5 war ein Witz, Jane Jane Jensen, über die ich hier oder woanders schon genug ablästerte, ruinierte ihren eigenen Mythos im großen Stil, indem sie mit dem unfähigsten Adventureentwickler der Welt kooperierte und bewies, dass sie eine ganz normale Taschenbuchtante ist, die sich in ihrer Adventureküche Traummänner backt. Ach ja, Moebius. Das war Mist. Ein Kunsthändlerarschloch reist um die Welt, gibt zu allem blasierte, sexistische Kommentare ab. Zwischen muss er Menschen ablenken. Wie in allen Adventures seit 30 Jahren. Menschen ablecken wäre echt mal eine Abwechslung. Es gab aber zwei Adventures, mit denen ich nicht rechnete, eines ist schon älter und heißt Culpa Innata, indem man, ähnlich wie in Choice of the Deathless, einen relativ normalen Arbeitsalltag nachvollzieht. Das andere war Bik – A Space Adventure. Sieht aus wie ein BiFi-Werbespiel (I like), hat sauber komponierte Musik, zwischendurch fast sowas wie normale Bosskämpfe (light), es ist fluffig und flairig. Es funktionierte einfach. Kennt ihr Mission Supernova von den Dingel Bros.? Bik ist nicht so, aber irgendwie doch. Es ist süß! Verdammt.

DEVIL SUMMONER: SOUL HACKERS ] vs. [ SHIN MEGAMI TENSEI IV ]
Das Megami Tensei-Universum ist gigantisch. Es gibt eine Hauptlinie, gefühlt dutzende Nebenzweige. Habe keine Lust zu dozieren, aber im wesentlichen sind es Dungeon Crawler, die in Bürogebäuden, Supermärkten, Kühlhäusern, verlassenen Endzeithäuserschluchten passieren. Und man kann mit seinen Dämonengegnern reden, sie in Multiple Choice-Dialogen davon überzeugen, den Spieler zu unterstützen. Der letzte Hauptteil, Shin Megami Tensei: Nocturne, kam 2003 auf der PlayStation 2 raus. Nun die IV. Auf dem 3DS, nur digital erhältlich.
Ich habe Shin Megami Tensei IV noch lange nicht durchdrungen, ich weiß auch noch nicht, wie ich seine Samuraigeschichte finden soll, ich erwähne es eigentlich nur, weil es aktuell ist und weil ich unbedingt zu Shin Megami Tensei: Devil Summoner: Soul Hackers (!) kommen möchte. Das kam eigentlich schon 1997 auf dem Saturn raus, wurde aber 2013 oder 2014 auf den 3DS portiert.
Und es ist großartig. Durch die Bank. Es fängt den nervösen Internet-Buzz seiner Zeit ein, hält ihn fest, lässt ihn brummen, verstärkt ihn. Auf der 2D-Karte trifft man immer wieder neue Figuren, die von Netzsucht erzählen, wie aufregend das alles für sie ist, aber auch schrecklich. In Soul Hackers gibt es eine “virtuelle Welt” namens Paradigm X, die aus heutiger Sicht zwar klein ist – sieht besteht eigentlich nur aus zwei Straßenzügen – aber wiederum: Das Summen. In Paradigm X gibt es verschiedene Foren, ein virtuelles Museum, von dem später ein Delfin-Unterwasserdungeon abzweigt, einen virtuellen Park. Und überall verwirrte Menschen, die von all dem neuen überfordert sind. Soul Hackers ist, zusammen mit dem Anime Serial Experiments Lain, für mich die Essenz der Internet-90er. Und die Dämonen, die man trifft, erzählen einfach immer wieder neues Zeug, beschweren sich über Hausarbeit, unglückliche Liebe, wollen einem im nächsten Moment verprügeln. Die eigentliche Hauptgeschichte ist nicht so wahnsinnig wichtig, stört aber auch nicht, solange man die 5 üblichen Atlus-08/15-Synchronsprecher aushalten kann. Nein, das hier ist eine NPC-Show. Mit nichtfeuchten Dungeons. Sorry, Legends of Grimrock 2. Deine feuchtglänzenden Gemäuer erschienen mir einfach nur obszön und kleine Hände am rechten unteren Bildschirm anklicken hat für mich nichts mit Spaß zu tun. Ich will Buttons mashen.

Mein Spiel des Jahres, ihr habt es befürchtet ist:

CLANS ]
Ich wollte ursprünglich, da Clans/Satanica gerade nur 0,29€ kostet, 50 bis 100 Steamkeys kaufen und allen Shodanisten damit eine “Freude” machen. Leider unterstützt Steam solche spontanen “Ideen” nicht. Zu meinem und eurem Glück vielleicht.
Clans ist das weltbeste Action-RPG. Raum betreten, sterben, Quickload, Raum betreten, keine HP verlieren. Es gibt zwar einige Tränke im Spiel, aber sie sind teurer und limiert. Erfahrungspunkte gibt es keine. Dafür viereckige Räume, ein paar Puzzles, finstere Renderhintergründe und kaum Story. Braucht man auch nicht. Irgendwie fühlt es sich casual an, aber es ist schwärzlichgrausumpfig. Das ist, was Clans ausmacht. Es ist ein kleines Licht, eine flackernde Kerze, kein Feuerwerk. Diese davon ausgehende Billigverzweiflung tut mir gut. Aber spielt ruhig weiter irgendeinen Scheiß und ignoriert Clans. Ihr werdet schon sehen!!!