Sonntag, 28. Dezember 2014

Auszug: Vinzenz' Videospieljahr.

Die meisten AAA-Titel gehen jährlich an mir vorbei, dadurch bleiben mir viele von diesen eigentlich absolut absehbaren Enttäuschungen erspart – ich meine, wie seltsam muss man sein, um sich auf einen Hirnfurz wie Watch Dogs so richtig zu freuen? Wo ist da das Enttäuschungsgefälle? Bereits aus den allerersten Bildern vor Jahren war die Dummheit dieses Spiels ableitbar. Diese Launchenttäuschungszeit bei großen Titeln gibt mir immer wieder Rätsel auf. Nun, ich kaufe mir also auf Steam lieber alte Spiele, wie zum Beispiel BloodNet:
BLOODNET ] & [ SHADOWRUN: DRAGONFALL ]
BloodNet ist eigentlich von 1993, kam aber dieses Jahr auf Steam raus. Das Spiel ist greifbar cool. Unterkühlte Menschen mit Digiportraits reden scheinbar wirres Zeug, aber es macht so viel Sinn. Für mich ist VERWIRRUNG das Leitmotiv der Zukunft, dazu gehören ZWINGEND abstruse und alptraumhafte Interfaces. Tom Cruise kann gerne in der Luft rumwischen. Ich will fummeln. Neuromancer z.B. simuliert BBS-Mailboxen mit entsprechenden Texteingaben – geil. Kann sein, dass ich BloodNet nie durchspielen werde, aber das ist mir egal, für mich ist es wie Ausgehen mit kaputten Menschen. Sinnhaftigkeit spielt da eine untergeordnete Rolle, es geht um alberne Orte und schiefe Musik. Für mich ist BloodNet der Film Liquid Sky als Computerspiel.
Dragonfall wollte ich hassen, denn es begann mit dem Ernst von Schultheater, Dinge werden “vom Mondlicht beschienen”, irgendwer “lächelt sauer”, oder “fährt sich durch das kurze, schwarze Haar” und die Lakonie der knapperen Sätze wirkt erzwungen, weil sie umstellt sind von anderen Sätzen voller hechelnder Adjektive. Klingt nicht gut für ein Textadventure mit unterstützenden Grafiken, es wird aber nach der ersten Schlauchmission wesentlich erträglicher. Ja, ich bin der Textmensch von Shodannews, das bringt mich zu…

CHOICE OF THE DEATHLESS ] vs. [ SHADOWGATE REMAKE ]
Ich kannte den Katalog von Choice of Games bereits vom Appstore meines Uralt-Palm-Handys, dort fiel mir immer deren strenge thematische Limitierung auf – es gab ein Spiel über Vampire, das Anne Rice nachäffte, andere mit Ninjas, Piraten, Superhelden. Choice of the Deathless ist freier, die Prosa manchmal etwas klebrig, aber insgesamt hochspannend, weil es es schafft, sich zwischen Grim Fandango, Shin Megami Tensei und Ally McBeal zu positionieren. Richtig gut. Habe mir, wie Aule (finde übrigens sehr cool, mit meinem IF-Interesse hier nicht allein zu sein), auch noch ein paar andere Spiele gekauft (Choice of Robots etwa), aber die sind mir größtenteils zu brav. Macht aber nichts, die kriegen weiter mein Geld.
Das Shadowgate-Remake war irgendwie nichts. Man klickt halt auf Standbildern rum, die mit hochwertig gemeinten Effekten “belebt” werden sollen, alles ist zäh, unreaktiv, die Texte blubbern vorbei wie Dünnschiss im Rinnstein einer Mittelalterstadt. Aule kaufte sich wegen mir Shadowgate 64, mein Lieblingsspiel. Weiß man ja. Aber das hier ist einfach nur eine zusammengestoppelte Fantasy-Geisterbahn, kein Raum passt zum nächsten, mies proportionierte, unfertige Zeichnungen. Ein weiterer Beweis dafür, das die meisten nostalgischen Kickstarter-Projekte eigentlich nie veröffentlicht werden bräuchten – ein Steam-Key an die “Bäcker” würde genügen. Hier, friss dein altes Brot, an dem mit rumgeknetet hast. Ja, dein Name steht auf dem Etikett unten am Brot. Kann man mitessen. Muss man aber nicht.

EIDOLON ] & [ HEAVY BULLETS ]
Zwei Spiele wie eine Doppelbeerdigung. Eidolon, ein weicher Lustwandelemulator, mit “Notizen” und “Tagebucheinträgen”, bisschen Überlebenskram, ansonsten Innerlichkeit pur. Schau, ein Reh. Schau, der Nebel. Ein Busch! Mhmm. Beeren. Müsste eigentlich extrem langweilen. Jeder Frame wäre gerahmt ein hübsches Motiv, die Musik säuselt. Aber. Die Grafik ist interessant, sie bietet Umrisse von Bäumen, löst damit Naturerinnerungen aus, die man so im Kopf hat. Ein konkret nachgebildeter Baum im Computerspiel kann nie gewinnen, er ist ein ein Abklatsch. Aber die Pfade, auf denen man latscht, sind ausgetreteten, das Wandergenre ist am Ende. Eidolon ist ein würdiger Abschluss dessen. Würdiger als die Naturkitschorgie The Vanishing Of Ethan Carter, die dumme Gamesredakteure zum einzigen Kunstvergleich hinreißt, den sie ihren Hirnchen abpressen können:
DAS – KEUCH! – SIEHT JA AUS WIE – CASPAR-KEUCH-DAVID-FRIEDRICH-UFF! Erstmal ein NicNac essen! Es ist ein Kunst! Ein großer Kunstwerk! 2007 oder so wünschte ich mir mehr Spiele, in denen die Landschaft zum Hauptgegner ist – es gab nichts. Heute gibt es genug. Es ist vorbei.
Hört auf, säuselnde Naturspiele zu machen, verschwendet eure Zeit nicht. Kerle vor die Säusel.
Zu Heavy Bullets schrieb ich bereits einen Eintrag, ich zitiere daraus: “Heavy Bullets ist übrigens toll. Glaubhafte Vegetation durch Abstraktion, eine Shootermechanik mit begrenzten Kugeln, die man immer wieder einsammeln muss, wodurch blindes Geballer komplett wegfällt, trotzdem äußerst schnell. Außerdem eine akzeptable Auslegung der mittlerweile müffelnden Neon-Palette.”Ja, Cyan und Magenta, Oma und Opa, die irgendein fieser Arsch irgendwann mal exhumiert hat, jeder durfte mittlerweile mal ran, nächstes Jahr kommt der Nekrophilen-Superbully “Hotline Miami 2″ und wird … es nochmal tun. Ja, Hotline Miami ist der Fritzl unter den Videospielen. Vielleicht sollte ich diesen Vergleich ausbauen? Nö. Heavy Bullets ist jedenfalls beinahe mein Spiel des Jahres. War ein Geschenk von Onkel Toni.

BIK – A SPACE ADVENTURE ] vs. [ MOEBIUS: EMPIRE RISING ]
Adventures sind vorbei, das haben dieses Jahr ausgerechnet die bewiesen, die das mit Sicherheit nicht wollten. Broken Sword 5 war ein Witz, Jane Jane Jensen, über die ich hier oder woanders schon genug ablästerte, ruinierte ihren eigenen Mythos im großen Stil, indem sie mit dem unfähigsten Adventureentwickler der Welt kooperierte und bewies, dass sie eine ganz normale Taschenbuchtante ist, die sich in ihrer Adventureküche Traummänner backt. Ach ja, Moebius. Das war Mist. Ein Kunsthändlerarschloch reist um die Welt, gibt zu allem blasierte, sexistische Kommentare ab. Zwischen muss er Menschen ablenken. Wie in allen Adventures seit 30 Jahren. Menschen ablecken wäre echt mal eine Abwechslung. Es gab aber zwei Adventures, mit denen ich nicht rechnete, eines ist schon älter und heißt Culpa Innata, indem man, ähnlich wie in Choice of the Deathless, einen relativ normalen Arbeitsalltag nachvollzieht. Das andere war Bik – A Space Adventure. Sieht aus wie ein BiFi-Werbespiel (I like), hat sauber komponierte Musik, zwischendurch fast sowas wie normale Bosskämpfe (light), es ist fluffig und flairig. Es funktionierte einfach. Kennt ihr Mission Supernova von den Dingel Bros.? Bik ist nicht so, aber irgendwie doch. Es ist süß! Verdammt.

DEVIL SUMMONER: SOUL HACKERS ] vs. [ SHIN MEGAMI TENSEI IV ]
Das Megami Tensei-Universum ist gigantisch. Es gibt eine Hauptlinie, gefühlt dutzende Nebenzweige. Habe keine Lust zu dozieren, aber im wesentlichen sind es Dungeon Crawler, die in Bürogebäuden, Supermärkten, Kühlhäusern, verlassenen Endzeithäuserschluchten passieren. Und man kann mit seinen Dämonengegnern reden, sie in Multiple Choice-Dialogen davon überzeugen, den Spieler zu unterstützen. Der letzte Hauptteil, Shin Megami Tensei: Nocturne, kam 2003 auf der PlayStation 2 raus. Nun die IV. Auf dem 3DS, nur digital erhältlich.
Ich habe Shin Megami Tensei IV noch lange nicht durchdrungen, ich weiß auch noch nicht, wie ich seine Samuraigeschichte finden soll, ich erwähne es eigentlich nur, weil es aktuell ist und weil ich unbedingt zu Shin Megami Tensei: Devil Summoner: Soul Hackers (!) kommen möchte. Das kam eigentlich schon 1997 auf dem Saturn raus, wurde aber 2013 oder 2014 auf den 3DS portiert.
Und es ist großartig. Durch die Bank. Es fängt den nervösen Internet-Buzz seiner Zeit ein, hält ihn fest, lässt ihn brummen, verstärkt ihn. Auf der 2D-Karte trifft man immer wieder neue Figuren, die von Netzsucht erzählen, wie aufregend das alles für sie ist, aber auch schrecklich. In Soul Hackers gibt es eine “virtuelle Welt” namens Paradigm X, die aus heutiger Sicht zwar klein ist – sieht besteht eigentlich nur aus zwei Straßenzügen – aber wiederum: Das Summen. In Paradigm X gibt es verschiedene Foren, ein virtuelles Museum, von dem später ein Delfin-Unterwasserdungeon abzweigt, einen virtuellen Park. Und überall verwirrte Menschen, die von all dem neuen überfordert sind. Soul Hackers ist, zusammen mit dem Anime Serial Experiments Lain, für mich die Essenz der Internet-90er. Und die Dämonen, die man trifft, erzählen einfach immer wieder neues Zeug, beschweren sich über Hausarbeit, unglückliche Liebe, wollen einem im nächsten Moment verprügeln. Die eigentliche Hauptgeschichte ist nicht so wahnsinnig wichtig, stört aber auch nicht, solange man die 5 üblichen Atlus-08/15-Synchronsprecher aushalten kann. Nein, das hier ist eine NPC-Show. Mit nichtfeuchten Dungeons. Sorry, Legends of Grimrock 2. Deine feuchtglänzenden Gemäuer erschienen mir einfach nur obszön und kleine Hände am rechten unteren Bildschirm anklicken hat für mich nichts mit Spaß zu tun. Ich will Buttons mashen.

Mein Spiel des Jahres, ihr habt es befürchtet ist:

CLANS ]
Ich wollte ursprünglich, da Clans/Satanica gerade nur 0,29€ kostet, 50 bis 100 Steamkeys kaufen und allen Shodanisten damit eine “Freude” machen. Leider unterstützt Steam solche spontanen “Ideen” nicht. Zu meinem und eurem Glück vielleicht.
Clans ist das weltbeste Action-RPG. Raum betreten, sterben, Quickload, Raum betreten, keine HP verlieren. Es gibt zwar einige Tränke im Spiel, aber sie sind teurer und limiert. Erfahrungspunkte gibt es keine. Dafür viereckige Räume, ein paar Puzzles, finstere Renderhintergründe und kaum Story. Braucht man auch nicht. Irgendwie fühlt es sich casual an, aber es ist schwärzlichgrausumpfig. Das ist, was Clans ausmacht. Es ist ein kleines Licht, eine flackernde Kerze, kein Feuerwerk. Diese davon ausgehende Billigverzweiflung tut mir gut. Aber spielt ruhig weiter irgendeinen Scheiß und ignoriert Clans. Ihr werdet schon sehen!!!

Freitag, 19. Dezember 2014

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (9-12)

9 Hallo, ist eigentlich gut, dass meine Geschlechtslosigkeit keine Rolle in meiner Erzählung spielt? Müsste ich es thematisieren, warum ich mein Geschlecht nicht angebe, geschweige denn wirklich kenne? Glaubt mir das irgendwer? Macht mich jeder zu dem, was er*sie möchte? Funktioniert das? Wird das Geschlecht der Person, die hinter all dem steht, weil bekannt, doch auf mich projiziert?

10 Neulich fiel mitten in der Nacht die Autoheizung aus und ich musste ein paar Bücher verbrennen. Dabei wählte ich sorgsam Human only-Bücher, Hasstexte, von denen ich ohnehin keine “verkaufen” möchte. Weil sie mich langweilen. Sie rochen gar nicht gut, manchmal fauchte das Feuer, bildete Blasen, die den Gesichtern der Autoren ähnelten.
Ich muss bald meine Eltern besuchen, ihnen beibringen, dass ich nichts mehr bin. Vater ist von Beruf Landplätter, er fährt eine große Walze und macht damit gezielt Berge platt, in teilweise wochenlanger Schwerstarbeit, hin und her, immer wieder über den Gipfel, dann ins Tal. Die Talfahren sind die gefährlichsten. Klar, oder?
Mutter hat einen noch viel härteren Job als er. Sie ist Leuchtturmwärterin auf einer Ebene, deren Namen ich nicht weiß, sie hat auch mehrere Türme zu betreuen, teilweise muss sie sie stützen, wenn ein Einsturz droht, mit ihren Schultern. Hält dann tagelang die Stellung, bis jemand mit Reparaturmasse kommt.

Wozu ein Leuchtturm auf weiter Flur, ohne Meer? Nun, es geht dennoch um Orientierung. Ein Land ohne Eigenschaften kann in allen Himmelsrichtungen gleich aussehen und passt man nicht auf, fährt oder reitet oder läuft man tagelang in die falsche Richtung.

11 Heute muss ich zur Abwechslung mal was verkaufen. Halte in einem Wäldchen, bau meinen Tapeziertisch auf, Bücher drapiert, warten. Dauert etwas. Drücke auf die Hupe. Sie spielt nacheinander verschiedene Tiersamples ab.

Uhuu! Wuff! Grrrr! Baubaubau! Tock, tock! 

Ich bin der Eismann, nur mit Kleingedrucktem.

Ein Rauker mit Rucolazigarette löst sich aus dem Gebüsch. So eine Art Pflanzwesen. Weiß ich doch nicht. Bin genervt. Der Busch pustet, kommt näher. Befingert die Bücher. Warum bin ich so feindselig? Habe halt schlecht geschlafen, seit Stunden nichts gegessen. Jetzt kauf was. Sonst muss ich mein Auto irgendwann abgeben, doch. Die einzige Bedingung eben. Der Kofferraum muss leer werden. Natürlich muss ich irgendwann mal alles abrechnen. Langweilig!

Vorhin visierte ich, auf der Fahrt zum Wäldchen, ein Schnellrestaurant an. Kleiner Punkt am Horizont, wie immer. War außer Betrieb, als ich ankam. Scheiben eingeschlagen, Kühlhaus leer. Er zeigt irgendwo drauf. Raschelt. Ein Menschenbuch. Kochen für Langweiler. Alles klar, das reicht für heute. Ich frage ihn, ob ich ein paar Beeren von seinem Kopf pflücken darf.

12 (Noch immer auf der Lichtung, hungrig. Mit meinem Kunden, dem Buschwesen.)

Shelby: Lass uns was kochen.

Busch: Ich kann nicht lesen, was in dem Buch steht.

Shelby: Hier: “Beerenchutney für shut-ins.”

Busch: Shut-ins sind keine Langweiler. Das ist ein fieses Buch.

Shelby: Manchmal schließe ich mich in mein Auto rein. Alle Drücker runter.

Busch: Drücker. Du hast keine Ahnung von Technik. Das nennt man Türpin oder Türknopf.

Shelby: Ich muss sowas nicht wissen. Bin hart wie Marmelade.

Busch: NDW. Neue Dürrewelle. Ein schlimmer Song.

Shelby: Wollen wir ein bisschen Benzin trinken und rumfabulieren?

Busch: Habe mal schwere Verbrennungen erlitten, als ich mit Menschen trank. Sie lachten, anstatt mich zu löschen.

Shelby: Ich leg mich jetzt ins Auto. Möchtest du noch ein Buch? Ich schenk’ dir eines. Kann dir auch was aussuchen.

Rascheln. Der Busch verschwindet im Gebüsch.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (4-8)

5 Weißt du, was noch schöner als ein Leuchtturm in Betrieb ist? Einer, der umstürzte und in ein Birkenwäldchen krachte. Dort liegt er nun, noch voll funktionsfähig.Strahlt regelmäßig den Boden an, leuchtet durch die Äste, ein Scheinen in den Zweigen. Eine gestreifte Wurst, eher friedlich als majestätisch. Das hier wird kein Roadmovie, es wird ein Floatsmoothie. Eine gesunde Geschichte, die grazil statt mit Ziel auf der Stelle stehen bleibt. Aber ich habe Bücher zuzustellen. Ich kann hier nicht bleiben.

6 Ich halte an einem Rhabarberfeld. Es ist Mittag, eine gute Zeit, die Solarzellen des Autos aufzuladen. 20xx gab es eine Verordnung gegen fossile Brennstoffe, als man entdeckte, dass Autoren, die Benzin trinken, beim Schreiben plötzlich so stark strahlen, dass sie die Grenzen der interhumanen Kommunikation überschritten, Texte schrieben, die gleichzeitig auch für Nichtmenschen lesbar waren. Erlassen wurde das Gesetz übrigens in der Amtsperiode von Dietmar Dath als Bundeskanzler. Kein Zufall.

7 Das Wort “ausbaldowern” kam über rotwelsch Baldower „Kundschafter, Anführer bei einem verbrecherischen Vorhaben“ im 19. Jahrhundert als Erstes im Berlinischen in den Sprachgebrauch. Ist jiddischen Ursprungs: bal „Herr“ und dowor „Sache“ (gleichbedeutend hebräisch ba’al und dawar) zu hebräisch Ba’al-dawar „Herr einer Sache“, Euphemismus für den Teu– Nicht schon wieder der dumme Teufel. Den möchte ich aus meiner hingekleckerten “Zukunftsvision” heraushalten. Eine ausgebaldowerte wie eklecksige Zukunftsvision. In der alles einen neuen Platz hat. Wie ist das zum Beispiel mit Zigaretten? Wo sind die jetzt?Was weiß ich denn, lass mich kurz überlegen. Sie wurden überflüssig, als im Verlauf der Vergeistigung Münder immer dünner und schließlich ganz unsichtbar wurden. Noch da, aber wie ein Mikrofonloch an einer Webcam. Ja ja, wenn der liebe Gott eine Öffnung zumacht, geht irgendwo eine andere auf oder erfährt eine neue Bedeutung. Essen mit dem Bauchnabel. Man kann auf die Nahrung einfach drauffallen und durch die Wucht wird sie ohne peristaltische Kletterübungen direkt in den Bestimmungsort reingepresst. Es tut mir leid.

8 Die Architektur hier ist sehr eckig. Zigarettenschachteln haben nämlich eine bessere Dämmwirkung als Ziegel. Allerdings muss man beim Hausbau daran denken, die Folien um die Schachteln herum zu entfernen. Der Sultan von Sexhausen vergaß dies beim Bau seines Palastes, weswegen dieser von den Tieren, die den drumherumwucherenden Park bewohnten, auch Wolkenschloss Wobbel genannt wurde. Ersatzziegel aus glattem Material, die aufeinandergestapelt zwar durch die reine Masse zumindest einen Einsturz verhindern, aber aber eben dennoch auf der Stelle hin und hergleiten. Die Wildschweine aus der Sexhausener Schluffischlucht veranstalten einmal im Monat bei Vollmond einen Sturm auf das Wolkenschloss Wobbel - nicht, um es zum Einsturz zu bringen, denn die Wildschweine waren ja belesen und demzufolge friedfertig. Sie fanden einfach des Sultans Fehler irre lustig, wollten ihn aber auch ermutigen, dass das alles nicht so schlimm sei, dass nichts sein schlecht geplantes Gebäude ernsthaft beschädigen konnte. Es wobbelte halt einfach beim Aufprall.

Alle machen Fehler, alle machen Fehler, keiner ist ein Supersultan.

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (1-4)

1 Ich bin Shelby Senfgold und Vertreter*in. Mein Arbeitgeber Megacorps ging letzte Woche pleite. Es war nicht irgendeiner, sondern der letzte große der Welt. Der Untergang von Megacorps ist gleichzeitig das Ende der Lohnarbeit. Nun beginnt eine neue Ära. Die Zeit der Langeweile.

2 Sie geben mir das Firmenauto als Ausgleich. Ein Wägelchen:


Kantig, der Fahrerraum voller Bonbonpapierchen, aber ich gab mir immer Mühe bei der Bekämpfung von Treibstoffdämpfen. Mein Auto ist sozusagen allergiesicher. Für die, denen beim Fahren schlecht wird. Du möchtest sicher wissen, für was ich denn Vertreter*in war. Nun, ich suchte keine Menschen in ihren Häusern auf, das wäre für mich inakzeptabel gewesen. Was hätte ein*e Vertreter*in der letzten Firma der Welt denn verkaufen können und vor allem an wen, wenn nicht Privatpersonen? Nun, es gibt ja noch die Tiere.

3 Ich setze mich ins Auto. Abschied vom Parkplatz. Raus aus der Tiefgarage. Das Land ist vollkommen eben und dünn besiedelt. Im Rückspiegel das Firmengelände von Megacorps, fast alle Lichter aus. Morgen wird es dem Naturverwalter übergeben werden, der dann eine planmäßige Bepflanzung vornehmen wird. Fundamentsprengung mit Wurzeln, Samenbewurf aus der Luft. Nun fokussiere ich den Horizont der lose besprenkelten Kontinentalplatte. Wo soll es denn heute hingehen? Das Auto fährt sich zäh. Habe wohl noch Ware im Kofferraum.

4 Mein Job war es, Bücher an Tiere zu verkaufen. Hier ein Auszug aus einem Buch für Hunde und Katzen:


4 Es kauften natürlich nicht die Herrchen, sondern die Tiere selbst. Ich passte sie auf ihren Streifzügen ab, Scheibe runter, rief: “Hey, du, Katze, willst du ein Buch kaufen?” Naja, vielleicht war ich doch ich ein*e ganz gewöhnliche*r Vertreter*in. Besonders bei Hunden hatte ich oft Mitleid, denn sie besaßen am häufigsten kein eigenes Geld, so verschenkte ich heimlich meine Ware. Manchmal. Bezahlte sie aus eigener Tasche. Wurde aber doch bemerkt. Es hieß dann: “Shelby, du bist doch keine Fahrbibliothek.” Tja, ich sorgte jedenfalls für gehörige Erschütterungen in den Wäldern und Wiesen, denn wegen mir kam bei mancher Spezies Unterhaltung vor Arterhaltung. Ich will nun einfach Geradeaus fahren. Auf meinem Lenkrad ist eine Markierkung, ducke ich mich, kann ich durch drehen des Lenkers ein Ziel bestimmen. Ist das ein Strich oder ein Leuchtturm?

Felidaemlich. Ein Kotzenroman.

Akif Pirinçci hat auf Twitter unter hundert Tweets, gestern verwendete er ungefähr 10 darauf, mit meinen Freunden zu "diskutieren":



Empfinde den daueerigierten Sugardaddy-Faschismus von Akif Pirinçci als extrem bedrohlich. Hitlergruß per Erektion. Schlimmer geht es nicht. Seine Gesinnung ist absolut eindeutig, wer andere routinemäßig aufgrund ihrer Erscheinung als "Dünnschiss" bezeichnet, ist klar ein Nazi.
Aber was soll man auch von jemandem erwarten, der seinen größten literatischer "Erfolg" noch vorm Mauerfall schrieb? Der dann vom Regisseur von "Werner - Beinhart!" verfilmt wurde?
Und ernsthaft in Deutschland einen "irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" zu erkennen glaubt.
Ich bin natürlich auch entgeistert, weil ich als Kind seine Bücher las. Der promise Zahnarztfreund meines Vaters lieh mir mal Felidae aus, ich fand das spannend, ohne Frage. Leider fiel mir das Buch beim Lesen in die die Badewanne, er fragte öfter mal, ob er denn mal die Leihgabe zurückkriegen könnte. Ich brauchte drei Jahre, um zu gestehen. Versuchte dann, das Buch zu ersetzen. Fuhr im Sommer 2006 an seiner Wohnung in Neukölln vorbei, die Tür war verschlossen, also hängte ich den Felidae-Ersatz in einer Plastetüte an seine Klinke.
Später meinte er, das aufgeweichte Original wäre ein Geschenk gewesen und ich hätte doch ruhig mal die Originalausgabe beschaffen können.
Ob ihm wohl eine seiner zahlreichen Affären beschenkt hatte?
Mittlerweile lebt er monogam in der Nähe von Gorleben, trägt Strickpullis und engagiert sich gegen Atomkraft. Tja, der promiske sexy Berliner Zahnarztfreund mit dem geilen Loft.
Vielleicht brach ich einen bösen Bann, als ich sein Katzenbuch versenkte.
Das wär doch schön.

Vinzenz Raindeer - Hausbrand



Ich wollte schon lange mal ein Karaokevideo aufnehmen, mein Gesicht hinhalten. Zeigen, wer eigentlich diese Musik macht.
Der Vorhang im Hintergrund hängt da jeden Tag. Das ist mein Arbeitsplatz. Finde die bei Nacht herumfahrenden Autos dahinter äußerst schön.
Durch das unperfekte Lipsyncing entsteht ein leichter Gruseltaleffekt. Besonders für die, die mich selten sehen. Plötzlich bewegt sich das Gesicht, das sonst immer auf Fotos stillhält!

Sonntag, 14. Dezember 2014

Head Wound City live in Head Wound City

8 Bücher, die mir halfen.

Medizin für Melancholie von Ray Bradbury
Die Bradbury-Bücher gehörten meinem Stiefvater, ich las sie nach und nach, als ich Medizin für Melancholie einmal in der Schule dabei hatte, wurde ich dafür von meiner Klassenlehrerin verspottet, denn sie hielt mich für einen Träumer. Ich empfand das als ehrverletzend. Träumer sind Dussel, die gegen Laternenpfähle laufen. Ich war einfach nur anders.
Irgendwann vermachte mir Stiefvater all diese Bücher, alle im selben gelblichen Diogenes-Design: 


Sie seien ihm nun zu blumig. Erschien mir absurd, wie könnte ein Buch zu wenig verschnörkelt sein? (Mittlerweile weiß ich, was er meinte.)

Geschichten aus dem Mumintal von Tove Jansson
Äußerst bedrückendes Kinderbuch in einer DDR-Ausgabe, die voll mit lilabluttriefenden Aquarellen war und damit völlig losgelöst bzw. gar nicht in Verbindung zu bringen mit den Fernseh-Mumins. Die Figuren waren für Kinderbuchverhältnisse völlig zerstört, einsam, ordnungsversesessen, auch nicht alle jung. Ist noch immer ein Superbuch.





Phonon von Dietmar Dath
Fand ich durch Zufall in einer Heilbronner Bibliothek. (Diese Bibliothek sollte - bis jetzt - die letzte sein, die mir als Schlechtwetter-Schlechttag-Ersatzheimat dienen konnte. Die Mittweidaer Hochschulbücherei kann das nicht. Zu dunkel, zu seltsam, zu wenig Platz zum Verstecken.)



Ich entdeckte, wie es ist, wenn Ernst und Albernheit auf einem Fleck koexistieren. Menschen, die in Bäumen wohnen und, aha, es gibt "spekulative Fiktion"! Das erinnert mich allerdings an neulich, als ich durch Zufall diese Animatorenszene entdeckte, die mit Poser und anderen Programmen in der schwarzen Suppe des uncanny Marianengraben taucht, ich fühlte mich wirklich wie ein Entdecker, bis mir klar wurde, dass andere dieses Gebiet bereits vor mir erschlossen haben. Irgendwie peinlich.

I am Airen Man von Airen



Airen, tja. Strobo war bisschen fade. Außerdem ist er auch noch aus Bayern. Aber das zweite Buch. Hm. Ich weiß nicht, sicher, da war auch eine gewaltige Prise ungesunder Exotismus dabei, aber seine Beschreibungen von Mexiko waren schön verschwitzt und ich mochte, wie er selbstverständlich mit Männern, Frauen und Transmenschen umging. Durchhing, leistete, durchhing, leistete. Irgendwie ist ihm da - vielleicht per Zufall - ein gutes Buch gelungen.



Jan Bibijan - Unwahrscheinliche Abenteuer eines Lausbuben von Elin Pelin




So eine Art Alice im Bestrafungsland für Jungs. Sehr brutal und einsam. Hab es mehrmals gelesen, vergesse aber immer, ob es gut ausgeht.


Allerlei-Rauh: Eine Chronik von Sarah Kirsch





Sarah Kirsch, thüringische Zwiespalt-Bauernliteratin, sehr bewandert, was Natur und Pflanzen angeht, schrieb auf der einen Seite abstoßende LPG-Märchen, auf der anderen ist die Sprache ungewöhnlich zerpflückt, gebogen, mit einem Dreschflegel bearbeitet. Meine Mutter mag sie sehr, erfahre ich später.


Alexander Nikopol von Enki Bilal



Teure Comics und Bibliotheken. Irgendwie untrennbar. Bilals Brustfixierung empfand ich immer als etwas unangenehm, aber die Obsession mit der der (selbst geschaffenen) weiblichen Hauptfigur scheint so eine Art Faden zu sein, der sich durch alle Graphic Novels zieht, die ich bisher so las.
Nikopol war trotzdem cool, weil körnig, grimm, kalt, rücksichtslos. Mittlerweile finde ich Bilas Filme fast besser als seine Comics, aber was weiß ich schon.


Blackbox von Benjamin von Stuckrad-Barre



Ich war nicht dabei, als Stuckrad-Barre in Ungnade fiel, in ein scheinbar endloses Hassgrab, das bis heute mit Dreck zugeschaufelt wird.
Vielleicht geht mir irgendwann ein Licht auf und ich verstehe, was Menschen an ihm nicht mögen, über seine Person hinaus. Ja, er arbeitet für Springer. Ich mag ja auch viele Medienmenschen nicht und begründe das vielleicht schlecht. Christian Ulmen zum Beispiel, der ja viel mit Stuckrad-Barre rumhängt.
Stuckrad-Barre ist... ein Pfarrerssohn und im Gegensatz zu manchen, die ich kennenlernte, nicht vollkommen kaputt. Irgendwie bei aller Gehässigkeit freundlich, bei seinem Herumschiebespiel mit deutschen Figürchen. "Horst Seehofer geht mit Blixa Bargeld in den Zoo, dort treffen sie auf der Toilette Hans Meiser, der gerade die Windeln von Kati Witt wechselt."
Letztlich finde ich an ihm gut, dass er nicht verschwindet, sein Format immer wieder ändert, nicht nur darüber redet, es zu tun. Und ich erlebe ihn selten dabei, wie er Mann-Frau-Strukturen zementiert, obwohl er das natürlich indirekt wieder über seine unschöne Ulmen-Connection wohl tut. Ich weiß es nicht. Blackbox ist jedenfalls gefühlt sein letztes "richtiges" Buch, alles danach war nur noch Verarbeitung und Verwaltung.
Werde mir heute sein Google-Suchtreffer-Buch von 2006 aufs Klo legen. Bin gespannt, ob es mittlerweile Relevanz bekommen hat, wie ein altes Magazin.

Freitag, 5. Dezember 2014

Busreisen / Jugendliche / Inseln / unfertig

DIESIGER TAG. EINE SCHÄBIGE HÜTTE AN EINER KLIPPE. JEMAND HUSTET. TÜR GEHT AUF. DER MANN TRITT VOR DIE  TÜR. SPUCKT AUF DEN BODEN. ER HAT EINE SCHROTFLINTE. ER TRITT AUF KLEINE SüßE TIERE. ES WIRD KEINE VERÄNDERUNG GEBEN, KEIN WACHSTUM, KEINE ANNÄHERUNG. 

„Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“
alle Charaktere (Katze, Hiet, Rufender, Schrubbender und Hinnerk antworten zu Beginn) 

(Meeresrauschen, Tür knarrt)

Hermann Hiet tritt hervor, ein 45jähriger Mann, der aussieht, wie eine abgemagerte Version von Anders Brejvik, ganz ohne Muskeln, die Haare grau. Er spricht normal, keine psychotischen Spitzen, aber er macht einem Angst. Sehr berherrscht, fast manierlich. Kein Mitgefühl.

Hermann Hiet
(spuckt aus) Schuhe müssen glänzen. Gerade am Ende der Welt.

(Schrotflinte wird geladen und abgefeuert, Vögel flattern davon)

Hermann Hiet

Wer hat schon wieder an meinen Eingeweiden herumgenagt?

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Ach, halt doch die Fresse, Hermann.

Die lasche Katze
Hermann Hiet. Er ist hier im Exil gelandet, nachdem er einen Bus voller Jugendlicher auf Klassenfahrt mit selbstgebranntem Schnaps tötete, Miau.

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Und weiterfuhr. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kam er am Ziel an, den Bus voller Leichen, als wär nichts gewesen.

(Nebelhorn ertönt)

Hermann Hiet
Das Postschiff! Endlich Unterhaltung. Bücher, Briefe der Eltern, Fachmagazine. Das ist aufregend. Hier z.B.
(räuspert, liest gelangweilt vor)
Methanol. Dieser einfachste Alkohol erzeugt beim Abbau den Formaldehyd, der stark toxisch ist. Die Erblindung und der Tod kommen jedoch durch die aus dem Formaldehyd gebildete Ameisensäure zustande. Der Mensch kann Ameisensäure nur sehr langsam abbauen. Es kommt zu einer Azidose, einer lebensbedrohlichen Verschiebung des pH-Wertes von Körperflüssigkeiten ins Saure. Am empfindlichsten reagieren die Nerven. Als erste Symptome kommen Kopfschmerzen, dann wird der Sehnerv zerstört. Der Tod kommt dann durch eine Atemlähmung zustande.“

Diese Jugendlichen waren bösartige Mäuse, sie fraßen sich durch alle Polster meines Busses, zündeten auf dem Klo ein Feuer an. Auf dieser Raststätte in den Niederlanden habe ich sie dann gekriegt. Versöhnungstrunk im leichten Regen. Orange Straßenlampen, sie waren ganz aufgedunsen vor Sentimentalität.

Jetzt bin ich hier, im Exil, und ein Gericht hat das größtmögliche Strafmaß gesprochen: maximale Rastlosigkeit durch Verbot von Lohnarbeit. Den Rest meines Lebens. Darf ich mich um mich kümmern, für mich kochen, mein Essen jagen, überleben. Aber Überleben ist langweilig.

(Rumpeln wie bei einem Erdbeben, alle, die in einer Schlange vor dem Postschiff stehen, zucken zusammen. Gemurmel, das nach Gebeten klingt, brandet kurz auf. Dann übernehmen die schreienden Seemöwen sowie das ans Ufer klatschende Meer wieder. Man hört den Postboten ruffeln.)

Katze, Hermann (zugleich, lauter)
Das war Hinnerk, der Fräßling.

Inselbewohner
Der Hinnerk hat wieder zugebissen. Siehst du das da? Das sind keine Monde. Das sind die Augen vom Hinnerk. Jedes Jahr beißt er ein Stück der Insel ab. Dem Hermann macht das ordentlich Schiss.

Die lasche Katze
Aber uns nie.

(Postbote händigt Hiet eine leichte Box aus.)

Postbote
Hiet, die Bezahlung! Die Dinger sind sehr teuer!

(Hiet grummelt, man hört ihn einen Brief aufreißen. Dann raschelt Geld, der Postbote salutiert und zieht sich auf sein Boot zurück, die Menge vor dem Schiff ist bedient und zerstreut sich. Man hört, wie Papier ins Wasser fällt.)

Hermann Hiet
(beleidigt grummelnd)

Muttern und ihre ellenlangen Klagebriefe. Wenn sie wenigstens mehr Geld schicken würde, würde ich sie sogar lesen. Und das nächste Mal erschieße ich diesen Postdeppen. Bringt mir nur Dreck. Kataloge statt Büchern, die brennen nicht mal anständig.

(Hiet schüttelt den leichten Behälter in seiner Hand, entsetztes Piepsen.)

Wenigstens die Küken hatte er dabei.

Montag, 1. Dezember 2014


Ich identifiziere mich mit diesem Touristenauto, das auf gerader Strecke von Zeichen überfordert in Katatonie verfiel.
(Im Biografieabschnitt der Anthologie heißt es: "Vi, Abseitspopstar, schreibt Musikstücke über Prinz*essinn*en mit angenagten Fingernägeln, weil es selber eine ist."
Das schrieb ich natürlich selbst. Manche würden sagen, ich sei doch wahnsinnig, mich in diesem Projekt auf zwei Lettern zu verkürzen, fast unsichtbar, keine Website, kein Geschlecht. Ja, ich arbeite daran, mich zu neutralisieren.)

† × 10³

Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.

Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.

Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie sein Bett, um sich daraus eine Burg zu bauen. Er schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

(Dieser Text ist heute erschienen als Teil des E-Books "Tausend Tode schreiben".  Der Herausgeber- und Autorenanteil wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.)