Sonntag, 28. Dezember 2014

Auszug: Vinzenz' Videospieljahr.

Die meisten AAA-Titel gehen jährlich an mir vorbei, dadurch bleiben mir viele von diesen eigentlich absolut absehbaren Enttäuschungen erspart – ich meine, wie seltsam muss man sein, um sich auf einen Hirnfurz wie Watch Dogs so richtig zu freuen? Wo ist da das Enttäuschungsgefälle? Bereits aus den allerersten Bildern vor Jahren war die Dummheit dieses Spiels ableitbar. Diese Launchenttäuschungszeit bei großen Titeln gibt mir immer wieder Rätsel auf. Nun, ich kaufe mir also auf Steam lieber alte Spiele, wie zum Beispiel BloodNet:
BLOODNET ] & [ SHADOWRUN: DRAGONFALL ]
BloodNet ist eigentlich von 1993, kam aber dieses Jahr auf Steam raus. Das Spiel ist greifbar cool. Unterkühlte Menschen mit Digiportraits reden scheinbar wirres Zeug, aber es macht so viel Sinn. Für mich ist VERWIRRUNG das Leitmotiv der Zukunft, dazu gehören ZWINGEND abstruse und alptraumhafte Interfaces. Tom Cruise kann gerne in der Luft rumwischen. Ich will fummeln. Neuromancer z.B. simuliert BBS-Mailboxen mit entsprechenden Texteingaben – geil. Kann sein, dass ich BloodNet nie durchspielen werde, aber das ist mir egal, für mich ist es wie Ausgehen mit kaputten Menschen. Sinnhaftigkeit spielt da eine untergeordnete Rolle, es geht um alberne Orte und schiefe Musik. Für mich ist BloodNet der Film Liquid Sky als Computerspiel.
Dragonfall wollte ich hassen, denn es begann mit dem Ernst von Schultheater, Dinge werden “vom Mondlicht beschienen”, irgendwer “lächelt sauer”, oder “fährt sich durch das kurze, schwarze Haar” und die Lakonie der knapperen Sätze wirkt erzwungen, weil sie umstellt sind von anderen Sätzen voller hechelnder Adjektive. Klingt nicht gut für ein Textadventure mit unterstützenden Grafiken, es wird aber nach der ersten Schlauchmission wesentlich erträglicher. Ja, ich bin der Textmensch von Shodannews, das bringt mich zu…

CHOICE OF THE DEATHLESS ] vs. [ SHADOWGATE REMAKE ]
Ich kannte den Katalog von Choice of Games bereits vom Appstore meines Uralt-Palm-Handys, dort fiel mir immer deren strenge thematische Limitierung auf – es gab ein Spiel über Vampire, das Anne Rice nachäffte, andere mit Ninjas, Piraten, Superhelden. Choice of the Deathless ist freier, die Prosa manchmal etwas klebrig, aber insgesamt hochspannend, weil es es schafft, sich zwischen Grim Fandango, Shin Megami Tensei und Ally McBeal zu positionieren. Richtig gut. Habe mir, wie Aule (finde übrigens sehr cool, mit meinem IF-Interesse hier nicht allein zu sein), auch noch ein paar andere Spiele gekauft (Choice of Robots etwa), aber die sind mir größtenteils zu brav. Macht aber nichts, die kriegen weiter mein Geld.
Das Shadowgate-Remake war irgendwie nichts. Man klickt halt auf Standbildern rum, die mit hochwertig gemeinten Effekten “belebt” werden sollen, alles ist zäh, unreaktiv, die Texte blubbern vorbei wie Dünnschiss im Rinnstein einer Mittelalterstadt. Aule kaufte sich wegen mir Shadowgate 64, mein Lieblingsspiel. Weiß man ja. Aber das hier ist einfach nur eine zusammengestoppelte Fantasy-Geisterbahn, kein Raum passt zum nächsten, mies proportionierte, unfertige Zeichnungen. Ein weiterer Beweis dafür, das die meisten nostalgischen Kickstarter-Projekte eigentlich nie veröffentlicht werden bräuchten – ein Steam-Key an die “Bäcker” würde genügen. Hier, friss dein altes Brot, an dem mit rumgeknetet hast. Ja, dein Name steht auf dem Etikett unten am Brot. Kann man mitessen. Muss man aber nicht.

EIDOLON ] & [ HEAVY BULLETS ]
Zwei Spiele wie eine Doppelbeerdigung. Eidolon, ein weicher Lustwandelemulator, mit “Notizen” und “Tagebucheinträgen”, bisschen Überlebenskram, ansonsten Innerlichkeit pur. Schau, ein Reh. Schau, der Nebel. Ein Busch! Mhmm. Beeren. Müsste eigentlich extrem langweilen. Jeder Frame wäre gerahmt ein hübsches Motiv, die Musik säuselt. Aber. Die Grafik ist interessant, sie bietet Umrisse von Bäumen, löst damit Naturerinnerungen aus, die man so im Kopf hat. Ein konkret nachgebildeter Baum im Computerspiel kann nie gewinnen, er ist ein ein Abklatsch. Aber die Pfade, auf denen man latscht, sind ausgetreteten, das Wandergenre ist am Ende. Eidolon ist ein würdiger Abschluss dessen. Würdiger als die Naturkitschorgie The Vanishing Of Ethan Carter, die dumme Gamesredakteure zum einzigen Kunstvergleich hinreißt, den sie ihren Hirnchen abpressen können:
DAS – KEUCH! – SIEHT JA AUS WIE – CASPAR-KEUCH-DAVID-FRIEDRICH-UFF! Erstmal ein NicNac essen! Es ist ein Kunst! Ein großer Kunstwerk! 2007 oder so wünschte ich mir mehr Spiele, in denen die Landschaft zum Hauptgegner ist – es gab nichts. Heute gibt es genug. Es ist vorbei.
Hört auf, säuselnde Naturspiele zu machen, verschwendet eure Zeit nicht. Kerle vor die Säusel.
Zu Heavy Bullets schrieb ich bereits einen Eintrag, ich zitiere daraus: “Heavy Bullets ist übrigens toll. Glaubhafte Vegetation durch Abstraktion, eine Shootermechanik mit begrenzten Kugeln, die man immer wieder einsammeln muss, wodurch blindes Geballer komplett wegfällt, trotzdem äußerst schnell. Außerdem eine akzeptable Auslegung der mittlerweile müffelnden Neon-Palette.”Ja, Cyan und Magenta, Oma und Opa, die irgendein fieser Arsch irgendwann mal exhumiert hat, jeder durfte mittlerweile mal ran, nächstes Jahr kommt der Nekrophilen-Superbully “Hotline Miami 2″ und wird … es nochmal tun. Ja, Hotline Miami ist der Fritzl unter den Videospielen. Vielleicht sollte ich diesen Vergleich ausbauen? Nö. Heavy Bullets ist jedenfalls beinahe mein Spiel des Jahres. War ein Geschenk von Onkel Toni.

BIK – A SPACE ADVENTURE ] vs. [ MOEBIUS: EMPIRE RISING ]
Adventures sind vorbei, das haben dieses Jahr ausgerechnet die bewiesen, die das mit Sicherheit nicht wollten. Broken Sword 5 war ein Witz, Jane Jane Jensen, über die ich hier oder woanders schon genug ablästerte, ruinierte ihren eigenen Mythos im großen Stil, indem sie mit dem unfähigsten Adventureentwickler der Welt kooperierte und bewies, dass sie eine ganz normale Taschenbuchtante ist, die sich in ihrer Adventureküche Traummänner backt. Ach ja, Moebius. Das war Mist. Ein Kunsthändlerarschloch reist um die Welt, gibt zu allem blasierte, sexistische Kommentare ab. Zwischen muss er Menschen ablenken. Wie in allen Adventures seit 30 Jahren. Menschen ablecken wäre echt mal eine Abwechslung. Es gab aber zwei Adventures, mit denen ich nicht rechnete, eines ist schon älter und heißt Culpa Innata, indem man, ähnlich wie in Choice of the Deathless, einen relativ normalen Arbeitsalltag nachvollzieht. Das andere war Bik – A Space Adventure. Sieht aus wie ein BiFi-Werbespiel (I like), hat sauber komponierte Musik, zwischendurch fast sowas wie normale Bosskämpfe (light), es ist fluffig und flairig. Es funktionierte einfach. Kennt ihr Mission Supernova von den Dingel Bros.? Bik ist nicht so, aber irgendwie doch. Es ist süß! Verdammt.

DEVIL SUMMONER: SOUL HACKERS ] vs. [ SHIN MEGAMI TENSEI IV ]
Das Megami Tensei-Universum ist gigantisch. Es gibt eine Hauptlinie, gefühlt dutzende Nebenzweige. Habe keine Lust zu dozieren, aber im wesentlichen sind es Dungeon Crawler, die in Bürogebäuden, Supermärkten, Kühlhäusern, verlassenen Endzeithäuserschluchten passieren. Und man kann mit seinen Dämonengegnern reden, sie in Multiple Choice-Dialogen davon überzeugen, den Spieler zu unterstützen. Der letzte Hauptteil, Shin Megami Tensei: Nocturne, kam 2003 auf der PlayStation 2 raus. Nun die IV. Auf dem 3DS, nur digital erhältlich.
Ich habe Shin Megami Tensei IV noch lange nicht durchdrungen, ich weiß auch noch nicht, wie ich seine Samuraigeschichte finden soll, ich erwähne es eigentlich nur, weil es aktuell ist und weil ich unbedingt zu Shin Megami Tensei: Devil Summoner: Soul Hackers (!) kommen möchte. Das kam eigentlich schon 1997 auf dem Saturn raus, wurde aber 2013 oder 2014 auf den 3DS portiert.
Und es ist großartig. Durch die Bank. Es fängt den nervösen Internet-Buzz seiner Zeit ein, hält ihn fest, lässt ihn brummen, verstärkt ihn. Auf der 2D-Karte trifft man immer wieder neue Figuren, die von Netzsucht erzählen, wie aufregend das alles für sie ist, aber auch schrecklich. In Soul Hackers gibt es eine “virtuelle Welt” namens Paradigm X, die aus heutiger Sicht zwar klein ist – sieht besteht eigentlich nur aus zwei Straßenzügen – aber wiederum: Das Summen. In Paradigm X gibt es verschiedene Foren, ein virtuelles Museum, von dem später ein Delfin-Unterwasserdungeon abzweigt, einen virtuellen Park. Und überall verwirrte Menschen, die von all dem neuen überfordert sind. Soul Hackers ist, zusammen mit dem Anime Serial Experiments Lain, für mich die Essenz der Internet-90er. Und die Dämonen, die man trifft, erzählen einfach immer wieder neues Zeug, beschweren sich über Hausarbeit, unglückliche Liebe, wollen einem im nächsten Moment verprügeln. Die eigentliche Hauptgeschichte ist nicht so wahnsinnig wichtig, stört aber auch nicht, solange man die 5 üblichen Atlus-08/15-Synchronsprecher aushalten kann. Nein, das hier ist eine NPC-Show. Mit nichtfeuchten Dungeons. Sorry, Legends of Grimrock 2. Deine feuchtglänzenden Gemäuer erschienen mir einfach nur obszön und kleine Hände am rechten unteren Bildschirm anklicken hat für mich nichts mit Spaß zu tun. Ich will Buttons mashen.

Mein Spiel des Jahres, ihr habt es befürchtet ist:

CLANS ]
Ich wollte ursprünglich, da Clans/Satanica gerade nur 0,29€ kostet, 50 bis 100 Steamkeys kaufen und allen Shodanisten damit eine “Freude” machen. Leider unterstützt Steam solche spontanen “Ideen” nicht. Zu meinem und eurem Glück vielleicht.
Clans ist das weltbeste Action-RPG. Raum betreten, sterben, Quickload, Raum betreten, keine HP verlieren. Es gibt zwar einige Tränke im Spiel, aber sie sind teurer und limiert. Erfahrungspunkte gibt es keine. Dafür viereckige Räume, ein paar Puzzles, finstere Renderhintergründe und kaum Story. Braucht man auch nicht. Irgendwie fühlt es sich casual an, aber es ist schwärzlichgrausumpfig. Das ist, was Clans ausmacht. Es ist ein kleines Licht, eine flackernde Kerze, kein Feuerwerk. Diese davon ausgehende Billigverzweiflung tut mir gut. Aber spielt ruhig weiter irgendeinen Scheiß und ignoriert Clans. Ihr werdet schon sehen!!!

Freitag, 19. Dezember 2014

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (9-12)

9 Hallo, ist eigentlich gut, dass meine Geschlechtslosigkeit keine Rolle in meiner Erzählung spielt? Müsste ich es thematisieren, warum ich mein Geschlecht nicht angebe, geschweige denn wirklich kenne? Glaubt mir das irgendwer? Macht mich jeder zu dem, was er*sie möchte? Funktioniert das? Wird das Geschlecht der Person, die hinter all dem steht, weil bekannt, doch auf mich projiziert?

10 Neulich fiel mitten in der Nacht die Autoheizung aus und ich musste ein paar Bücher verbrennen. Dabei wählte ich sorgsam Human only-Bücher, Hasstexte, von denen ich ohnehin keine “verkaufen” möchte. Weil sie mich langweilen. Sie rochen gar nicht gut, manchmal fauchte das Feuer, bildete Blasen, die den Gesichtern der Autoren ähnelten.
Ich muss bald meine Eltern besuchen, ihnen beibringen, dass ich nichts mehr bin. Vater ist von Beruf Landplätter, er fährt eine große Walze und macht damit gezielt Berge platt, in teilweise wochenlanger Schwerstarbeit, hin und her, immer wieder über den Gipfel, dann ins Tal. Die Talfahren sind die gefährlichsten. Klar, oder?
Mutter hat einen noch viel härteren Job als er. Sie ist Leuchtturmwärterin auf einer Ebene, deren Namen ich nicht weiß, sie hat auch mehrere Türme zu betreuen, teilweise muss sie sie stützen, wenn ein Einsturz droht, mit ihren Schultern. Hält dann tagelang die Stellung, bis jemand mit Reparaturmasse kommt.

Wozu ein Leuchtturm auf weiter Flur, ohne Meer? Nun, es geht dennoch um Orientierung. Ein Land ohne Eigenschaften kann in allen Himmelsrichtungen gleich aussehen und passt man nicht auf, fährt oder reitet oder läuft man tagelang in die falsche Richtung.

11 Heute muss ich zur Abwechslung mal was verkaufen. Halte in einem Wäldchen, bau meinen Tapeziertisch auf, Bücher drapiert, warten. Dauert etwas. Drücke auf die Hupe. Sie spielt nacheinander verschiedene Tiersamples ab.

Uhuu! Wuff! Grrrr! Baubaubau! Tock, tock! 

Ich bin der Eismann, nur mit Kleingedrucktem.

Ein Rauker mit Rucolazigarette löst sich aus dem Gebüsch. So eine Art Pflanzwesen. Weiß ich doch nicht. Bin genervt. Der Busch pustet, kommt näher. Befingert die Bücher. Warum bin ich so feindselig? Habe halt schlecht geschlafen, seit Stunden nichts gegessen. Jetzt kauf was. Sonst muss ich mein Auto irgendwann abgeben, doch. Die einzige Bedingung eben. Der Kofferraum muss leer werden. Natürlich muss ich irgendwann mal alles abrechnen. Langweilig!

Vorhin visierte ich, auf der Fahrt zum Wäldchen, ein Schnellrestaurant an. Kleiner Punkt am Horizont, wie immer. War außer Betrieb, als ich ankam. Scheiben eingeschlagen, Kühlhaus leer. Er zeigt irgendwo drauf. Raschelt. Ein Menschenbuch. Kochen für Langweiler. Alles klar, das reicht für heute. Ich frage ihn, ob ich ein paar Beeren von seinem Kopf pflücken darf.

12 (Noch immer auf der Lichtung, hungrig. Mit meinem Kunden, dem Buschwesen.)

Shelby: Lass uns was kochen.

Busch: Ich kann nicht lesen, was in dem Buch steht.

Shelby: Hier: “Beerenchutney für shut-ins.”

Busch: Shut-ins sind keine Langweiler. Das ist ein fieses Buch.

Shelby: Manchmal schließe ich mich in mein Auto rein. Alle Drücker runter.

Busch: Drücker. Du hast keine Ahnung von Technik. Das nennt man Türpin oder Türknopf.

Shelby: Ich muss sowas nicht wissen. Bin hart wie Marmelade.

Busch: NDW. Neue Dürrewelle. Ein schlimmer Song.

Shelby: Wollen wir ein bisschen Benzin trinken und rumfabulieren?

Busch: Habe mal schwere Verbrennungen erlitten, als ich mit Menschen trank. Sie lachten, anstatt mich zu löschen.

Shelby: Ich leg mich jetzt ins Auto. Möchtest du noch ein Buch? Ich schenk’ dir eines. Kann dir auch was aussuchen.

Rascheln. Der Busch verschwindet im Gebüsch.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (4-8)

5 Weißt du, was noch schöner als ein Leuchtturm in Betrieb ist? Einer, der umstürzte und in ein Birkenwäldchen krachte. Dort liegt er nun, noch voll funktionsfähig.Strahlt regelmäßig den Boden an, leuchtet durch die Äste, ein Scheinen in den Zweigen. Eine gestreifte Wurst, eher friedlich als majestätisch. Das hier wird kein Roadmovie, es wird ein Floatsmoothie. Eine gesunde Geschichte, die grazil statt mit Ziel auf der Stelle stehen bleibt. Aber ich habe Bücher zuzustellen. Ich kann hier nicht bleiben.

6 Ich halte an einem Rhabarberfeld. Es ist Mittag, eine gute Zeit, die Solarzellen des Autos aufzuladen. 20xx gab es eine Verordnung gegen fossile Brennstoffe, als man entdeckte, dass Autoren, die Benzin trinken, beim Schreiben plötzlich so stark strahlen, dass sie die Grenzen der interhumanen Kommunikation überschritten, Texte schrieben, die gleichzeitig auch für Nichtmenschen lesbar waren. Erlassen wurde das Gesetz übrigens in der Amtsperiode von Dietmar Dath als Bundeskanzler. Kein Zufall.

7 Das Wort “ausbaldowern” kam über rotwelsch Baldower „Kundschafter, Anführer bei einem verbrecherischen Vorhaben“ im 19. Jahrhundert als Erstes im Berlinischen in den Sprachgebrauch. Ist jiddischen Ursprungs: bal „Herr“ und dowor „Sache“ (gleichbedeutend hebräisch ba’al und dawar) zu hebräisch Ba’al-dawar „Herr einer Sache“, Euphemismus für den Teu– Nicht schon wieder der dumme Teufel. Den möchte ich aus meiner hingekleckerten “Zukunftsvision” heraushalten. Eine ausgebaldowerte wie eklecksige Zukunftsvision. In der alles einen neuen Platz hat. Wie ist das zum Beispiel mit Zigaretten? Wo sind die jetzt?Was weiß ich denn, lass mich kurz überlegen. Sie wurden überflüssig, als im Verlauf der Vergeistigung Münder immer dünner und schließlich ganz unsichtbar wurden. Noch da, aber wie ein Mikrofonloch an einer Webcam. Ja ja, wenn der liebe Gott eine Öffnung zumacht, geht irgendwo eine andere auf oder erfährt eine neue Bedeutung. Essen mit dem Bauchnabel. Man kann auf die Nahrung einfach drauffallen und durch die Wucht wird sie ohne peristaltische Kletterübungen direkt in den Bestimmungsort reingepresst. Es tut mir leid.

8 Die Architektur hier ist sehr eckig. Zigarettenschachteln haben nämlich eine bessere Dämmwirkung als Ziegel. Allerdings muss man beim Hausbau daran denken, die Folien um die Schachteln herum zu entfernen. Der Sultan von Sexhausen vergaß dies beim Bau seines Palastes, weswegen dieser von den Tieren, die den drumherumwucherenden Park bewohnten, auch Wolkenschloss Wobbel genannt wurde. Ersatzziegel aus glattem Material, die aufeinandergestapelt zwar durch die reine Masse zumindest einen Einsturz verhindern, aber aber eben dennoch auf der Stelle hin und hergleiten. Die Wildschweine aus der Sexhausener Schluffischlucht veranstalten einmal im Monat bei Vollmond einen Sturm auf das Wolkenschloss Wobbel - nicht, um es zum Einsturz zu bringen, denn die Wildschweine waren ja belesen und demzufolge friedfertig. Sie fanden einfach des Sultans Fehler irre lustig, wollten ihn aber auch ermutigen, dass das alles nicht so schlimm sei, dass nichts sein schlecht geplantes Gebäude ernsthaft beschädigen konnte. Es wobbelte halt einfach beim Aufprall.

Alle machen Fehler, alle machen Fehler, keiner ist ein Supersultan.

Megacorps ist pleite, was machen wir jetzt nur? (1-4)

1 Ich bin Shelby Senfgold und Vertreter*in. Mein Arbeitgeber Megacorps ging letzte Woche pleite. Es war nicht irgendeiner, sondern der letzte große der Welt. Der Untergang von Megacorps ist gleichzeitig das Ende der Lohnarbeit. Nun beginnt eine neue Ära. Die Zeit der Langeweile.

2 Sie geben mir das Firmenauto als Ausgleich. Ein Wägelchen:


Kantig, der Fahrerraum voller Bonbonpapierchen, aber ich gab mir immer Mühe bei der Bekämpfung von Treibstoffdämpfen. Mein Auto ist sozusagen allergiesicher. Für die, denen beim Fahren schlecht wird. Du möchtest sicher wissen, für was ich denn Vertreter*in war. Nun, ich suchte keine Menschen in ihren Häusern auf, das wäre für mich inakzeptabel gewesen. Was hätte ein*e Vertreter*in der letzten Firma der Welt denn verkaufen können und vor allem an wen, wenn nicht Privatpersonen? Nun, es gibt ja noch die Tiere.

3 Ich setze mich ins Auto. Abschied vom Parkplatz. Raus aus der Tiefgarage. Das Land ist vollkommen eben und dünn besiedelt. Im Rückspiegel das Firmengelände von Megacorps, fast alle Lichter aus. Morgen wird es dem Naturverwalter übergeben werden, der dann eine planmäßige Bepflanzung vornehmen wird. Fundamentsprengung mit Wurzeln, Samenbewurf aus der Luft. Nun fokussiere ich den Horizont der lose besprenkelten Kontinentalplatte. Wo soll es denn heute hingehen? Das Auto fährt sich zäh. Habe wohl noch Ware im Kofferraum.

4 Mein Job war es, Bücher an Tiere zu verkaufen. Hier ein Auszug aus einem Buch für Hunde und Katzen:


4 Es kauften natürlich nicht die Herrchen, sondern die Tiere selbst. Ich passte sie auf ihren Streifzügen ab, Scheibe runter, rief: “Hey, du, Katze, willst du ein Buch kaufen?” Naja, vielleicht war ich doch ich ein*e ganz gewöhnliche*r Vertreter*in. Besonders bei Hunden hatte ich oft Mitleid, denn sie besaßen am häufigsten kein eigenes Geld, so verschenkte ich heimlich meine Ware. Manchmal. Bezahlte sie aus eigener Tasche. Wurde aber doch bemerkt. Es hieß dann: “Shelby, du bist doch keine Fahrbibliothek.” Tja, ich sorgte jedenfalls für gehörige Erschütterungen in den Wäldern und Wiesen, denn wegen mir kam bei mancher Spezies Unterhaltung vor Arterhaltung. Ich will nun einfach Geradeaus fahren. Auf meinem Lenkrad ist eine Markierkung, ducke ich mich, kann ich durch drehen des Lenkers ein Ziel bestimmen. Ist das ein Strich oder ein Leuchtturm?

Felidaemlich. Ein Kotzenroman.

Akif Pirinçci hat auf Twitter unter hundert Tweets, gestern verwendete er ungefähr 10 darauf, mit meinen Freunden zu "diskutieren":



Empfinde den daueerigierten Sugardaddy-Faschismus von Akif Pirinçci als extrem bedrohlich. Hitlergruß per Erektion. Schlimmer geht es nicht. Seine Gesinnung ist absolut eindeutig, wer andere routinemäßig aufgrund ihrer Erscheinung als "Dünnschiss" bezeichnet, ist klar ein Nazi.
Aber was soll man auch von jemandem erwarten, der seinen größten literatischer "Erfolg" noch vorm Mauerfall schrieb? Der dann vom Regisseur von "Werner - Beinhart!" verfilmt wurde?
Und ernsthaft in Deutschland einen "irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" zu erkennen glaubt.
Ich bin natürlich auch entgeistert, weil ich als Kind seine Bücher las. Der promise Zahnarztfreund meines Vaters lieh mir mal Felidae aus, ich fand das spannend, ohne Frage. Leider fiel mir das Buch beim Lesen in die die Badewanne, er fragte öfter mal, ob er denn mal die Leihgabe zurückkriegen könnte. Ich brauchte drei Jahre, um zu gestehen. Versuchte dann, das Buch zu ersetzen. Fuhr im Sommer 2006 an seiner Wohnung in Neukölln vorbei, die Tür war verschlossen, also hängte ich den Felidae-Ersatz in einer Plastetüte an seine Klinke.
Später meinte er, das aufgeweichte Original wäre ein Geschenk gewesen und ich hätte doch ruhig mal die Originalausgabe beschaffen können.
Ob ihm wohl eine seiner zahlreichen Affären beschenkt hatte?
Mittlerweile lebt er monogam in der Nähe von Gorleben, trägt Strickpullis und engagiert sich gegen Atomkraft. Tja, der promiske sexy Berliner Zahnarztfreund mit dem geilen Loft.
Vielleicht brach ich einen bösen Bann, als ich sein Katzenbuch versenkte.
Das wär doch schön.

Vinzenz Raindeer - Hausbrand



Ich wollte schon lange mal ein Karaokevideo aufnehmen, mein Gesicht hinhalten. Zeigen, wer eigentlich diese Musik macht.
Der Vorhang im Hintergrund hängt da jeden Tag. Das ist mein Arbeitsplatz. Finde die bei Nacht herumfahrenden Autos dahinter äußerst schön.
Durch das unperfekte Lipsyncing entsteht ein leichter Gruseltaleffekt. Besonders für die, die mich selten sehen. Plötzlich bewegt sich das Gesicht, das sonst immer auf Fotos stillhält!

Sonntag, 14. Dezember 2014

Head Wound City live in Head Wound City

8 Bücher, die mir halfen.

Medizin für Melancholie von Ray Bradbury
Die Bradbury-Bücher gehörten meinem Stiefvater, ich las sie nach und nach, als ich Medizin für Melancholie einmal in der Schule dabei hatte, wurde ich dafür von meiner Klassenlehrerin verspottet, denn sie hielt mich für einen Träumer. Ich empfand das als ehrverletzend. Träumer sind Dussel, die gegen Laternenpfähle laufen. Ich war einfach nur anders.
Irgendwann vermachte mir Stiefvater all diese Bücher, alle im selben gelblichen Diogenes-Design: 


Sie seien ihm nun zu blumig. Erschien mir absurd, wie könnte ein Buch zu wenig verschnörkelt sein? (Mittlerweile weiß ich, was er meinte.)

Geschichten aus dem Mumintal von Tove Jansson
Äußerst bedrückendes Kinderbuch in einer DDR-Ausgabe, die voll mit lilabluttriefenden Aquarellen war und damit völlig losgelöst bzw. gar nicht in Verbindung zu bringen mit den Fernseh-Mumins. Die Figuren waren für Kinderbuchverhältnisse völlig zerstört, einsam, ordnungsversesessen, auch nicht alle jung. Ist noch immer ein Superbuch.





Phonon von Dietmar Dath
Fand ich durch Zufall in einer Heilbronner Bibliothek. (Diese Bibliothek sollte - bis jetzt - die letzte sein, die mir als Schlechtwetter-Schlechttag-Ersatzheimat dienen konnte. Die Mittweidaer Hochschulbücherei kann das nicht. Zu dunkel, zu seltsam, zu wenig Platz zum Verstecken.)



Ich entdeckte, wie es ist, wenn Ernst und Albernheit auf einem Fleck koexistieren. Menschen, die in Bäumen wohnen und, aha, es gibt "spekulative Fiktion"! Das erinnert mich allerdings an neulich, als ich durch Zufall diese Animatorenszene entdeckte, die mit Poser und anderen Programmen in der schwarzen Suppe des uncanny Marianengraben taucht, ich fühlte mich wirklich wie ein Entdecker, bis mir klar wurde, dass andere dieses Gebiet bereits vor mir erschlossen haben. Irgendwie peinlich.

I am Airen Man von Airen



Airen, tja. Strobo war bisschen fade. Außerdem ist er auch noch aus Bayern. Aber das zweite Buch. Hm. Ich weiß nicht, sicher, da war auch eine gewaltige Prise ungesunder Exotismus dabei, aber seine Beschreibungen von Mexiko waren schön verschwitzt und ich mochte, wie er selbstverständlich mit Männern, Frauen und Transmenschen umging. Durchhing, leistete, durchhing, leistete. Irgendwie ist ihm da - vielleicht per Zufall - ein gutes Buch gelungen.



Jan Bibijan - Unwahrscheinliche Abenteuer eines Lausbuben von Elin Pelin




So eine Art Alice im Bestrafungsland für Jungs. Sehr brutal und einsam. Hab es mehrmals gelesen, vergesse aber immer, ob es gut ausgeht.


Allerlei-Rauh: Eine Chronik von Sarah Kirsch





Sarah Kirsch, thüringische Zwiespalt-Bauernliteratin, sehr bewandert, was Natur und Pflanzen angeht, schrieb auf der einen Seite abstoßende LPG-Märchen, auf der anderen ist die Sprache ungewöhnlich zerpflückt, gebogen, mit einem Dreschflegel bearbeitet. Meine Mutter mag sie sehr, erfahre ich später.


Alexander Nikopol von Enki Bilal



Teure Comics und Bibliotheken. Irgendwie untrennbar. Bilals Brustfixierung empfand ich immer als etwas unangenehm, aber die Obsession mit der der (selbst geschaffenen) weiblichen Hauptfigur scheint so eine Art Faden zu sein, der sich durch alle Graphic Novels zieht, die ich bisher so las.
Nikopol war trotzdem cool, weil körnig, grimm, kalt, rücksichtslos. Mittlerweile finde ich Bilas Filme fast besser als seine Comics, aber was weiß ich schon.


Blackbox von Benjamin von Stuckrad-Barre



Ich war nicht dabei, als Stuckrad-Barre in Ungnade fiel, in ein scheinbar endloses Hassgrab, das bis heute mit Dreck zugeschaufelt wird.
Vielleicht geht mir irgendwann ein Licht auf und ich verstehe, was Menschen an ihm nicht mögen, über seine Person hinaus. Ja, er arbeitet für Springer. Ich mag ja auch viele Medienmenschen nicht und begründe das vielleicht schlecht. Christian Ulmen zum Beispiel, der ja viel mit Stuckrad-Barre rumhängt.
Stuckrad-Barre ist... ein Pfarrerssohn und im Gegensatz zu manchen, die ich kennenlernte, nicht vollkommen kaputt. Irgendwie bei aller Gehässigkeit freundlich, bei seinem Herumschiebespiel mit deutschen Figürchen. "Horst Seehofer geht mit Blixa Bargeld in den Zoo, dort treffen sie auf der Toilette Hans Meiser, der gerade die Windeln von Kati Witt wechselt."
Letztlich finde ich an ihm gut, dass er nicht verschwindet, sein Format immer wieder ändert, nicht nur darüber redet, es zu tun. Und ich erlebe ihn selten dabei, wie er Mann-Frau-Strukturen zementiert, obwohl er das natürlich indirekt wieder über seine unschöne Ulmen-Connection wohl tut. Ich weiß es nicht. Blackbox ist jedenfalls gefühlt sein letztes "richtiges" Buch, alles danach war nur noch Verarbeitung und Verwaltung.
Werde mir heute sein Google-Suchtreffer-Buch von 2006 aufs Klo legen. Bin gespannt, ob es mittlerweile Relevanz bekommen hat, wie ein altes Magazin.

Freitag, 5. Dezember 2014

Busreisen / Jugendliche / Inseln / unfertig

DIESIGER TAG. EINE SCHÄBIGE HÜTTE AN EINER KLIPPE. JEMAND HUSTET. TÜR GEHT AUF. DER MANN TRITT VOR DIE  TÜR. SPUCKT AUF DEN BODEN. ER HAT EINE SCHROTFLINTE. ER TRITT AUF KLEINE SüßE TIERE. ES WIRD KEINE VERÄNDERUNG GEBEN, KEIN WACHSTUM, KEINE ANNÄHERUNG. 

„Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“
alle Charaktere (Katze, Hiet, Rufender, Schrubbender und Hinnerk antworten zu Beginn) 

(Meeresrauschen, Tür knarrt)

Hermann Hiet tritt hervor, ein 45jähriger Mann, der aussieht, wie eine abgemagerte Version von Anders Brejvik, ganz ohne Muskeln, die Haare grau. Er spricht normal, keine psychotischen Spitzen, aber er macht einem Angst. Sehr berherrscht, fast manierlich. Kein Mitgefühl.

Hermann Hiet
(spuckt aus) Schuhe müssen glänzen. Gerade am Ende der Welt.

(Schrotflinte wird geladen und abgefeuert, Vögel flattern davon)

Hermann Hiet

Wer hat schon wieder an meinen Eingeweiden herumgenagt?

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Ach, halt doch die Fresse, Hermann.

Die lasche Katze
Hermann Hiet. Er ist hier im Exil gelandet, nachdem er einen Bus voller Jugendlicher auf Klassenfahrt mit selbstgebranntem Schnaps tötete, Miau.

Inselbewohner
(Aus der Entfernung) Und weiterfuhr. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kam er am Ziel an, den Bus voller Leichen, als wär nichts gewesen.

(Nebelhorn ertönt)

Hermann Hiet
Das Postschiff! Endlich Unterhaltung. Bücher, Briefe der Eltern, Fachmagazine. Das ist aufregend. Hier z.B.
(räuspert, liest gelangweilt vor)
Methanol. Dieser einfachste Alkohol erzeugt beim Abbau den Formaldehyd, der stark toxisch ist. Die Erblindung und der Tod kommen jedoch durch die aus dem Formaldehyd gebildete Ameisensäure zustande. Der Mensch kann Ameisensäure nur sehr langsam abbauen. Es kommt zu einer Azidose, einer lebensbedrohlichen Verschiebung des pH-Wertes von Körperflüssigkeiten ins Saure. Am empfindlichsten reagieren die Nerven. Als erste Symptome kommen Kopfschmerzen, dann wird der Sehnerv zerstört. Der Tod kommt dann durch eine Atemlähmung zustande.“

Diese Jugendlichen waren bösartige Mäuse, sie fraßen sich durch alle Polster meines Busses, zündeten auf dem Klo ein Feuer an. Auf dieser Raststätte in den Niederlanden habe ich sie dann gekriegt. Versöhnungstrunk im leichten Regen. Orange Straßenlampen, sie waren ganz aufgedunsen vor Sentimentalität.

Jetzt bin ich hier, im Exil, und ein Gericht hat das größtmögliche Strafmaß gesprochen: maximale Rastlosigkeit durch Verbot von Lohnarbeit. Den Rest meines Lebens. Darf ich mich um mich kümmern, für mich kochen, mein Essen jagen, überleben. Aber Überleben ist langweilig.

(Rumpeln wie bei einem Erdbeben, alle, die in einer Schlange vor dem Postschiff stehen, zucken zusammen. Gemurmel, das nach Gebeten klingt, brandet kurz auf. Dann übernehmen die schreienden Seemöwen sowie das ans Ufer klatschende Meer wieder. Man hört den Postboten ruffeln.)

Katze, Hermann (zugleich, lauter)
Das war Hinnerk, der Fräßling.

Inselbewohner
Der Hinnerk hat wieder zugebissen. Siehst du das da? Das sind keine Monde. Das sind die Augen vom Hinnerk. Jedes Jahr beißt er ein Stück der Insel ab. Dem Hermann macht das ordentlich Schiss.

Die lasche Katze
Aber uns nie.

(Postbote händigt Hiet eine leichte Box aus.)

Postbote
Hiet, die Bezahlung! Die Dinger sind sehr teuer!

(Hiet grummelt, man hört ihn einen Brief aufreißen. Dann raschelt Geld, der Postbote salutiert und zieht sich auf sein Boot zurück, die Menge vor dem Schiff ist bedient und zerstreut sich. Man hört, wie Papier ins Wasser fällt.)

Hermann Hiet
(beleidigt grummelnd)

Muttern und ihre ellenlangen Klagebriefe. Wenn sie wenigstens mehr Geld schicken würde, würde ich sie sogar lesen. Und das nächste Mal erschieße ich diesen Postdeppen. Bringt mir nur Dreck. Kataloge statt Büchern, die brennen nicht mal anständig.

(Hiet schüttelt den leichten Behälter in seiner Hand, entsetztes Piepsen.)

Wenigstens die Küken hatte er dabei.

Montag, 1. Dezember 2014


Ich identifiziere mich mit diesem Touristenauto, das auf gerader Strecke von Zeichen überfordert in Katatonie verfiel.
(Im Biografieabschnitt der Anthologie heißt es: "Vi, Abseitspopstar, schreibt Musikstücke über Prinz*essinn*en mit angenagten Fingernägeln, weil es selber eine ist."
Das schrieb ich natürlich selbst. Manche würden sagen, ich sei doch wahnsinnig, mich in diesem Projekt auf zwei Lettern zu verkürzen, fast unsichtbar, keine Website, kein Geschlecht. Ja, ich arbeite daran, mich zu neutralisieren.)

† × 10³

Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.

Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.

Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie sein Bett, um sich daraus eine Burg zu bauen. Er schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

(Dieser Text ist heute erschienen als Teil des E-Books "Tausend Tode schreiben".  Der Herausgeber- und Autorenanteil wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.)

Freitag, 28. November 2014


"Benjamin, wo bleibt das Hörspielskript?" - "Ich bin so müde..." - "Denk an den Rohrstock!" - "Bitte nicht, Otto..."

Donnerstag, 27. November 2014

"Wozu brauche ich schon Halt und Struktur?", sagte der Fuchs und stolzierte mit lose befestigtem Köpfchen in den Wald zurück.

 (Äsop, "Der Fuchs und die Schrauben")

Mittwoch, 26. November 2014

Aaltag.

Mittag. 
Am halb abgerissenen Hotel "Stadt Chemnitz", der Nazikneipe, dem Auto mit Werbung für "Nancys Kerzenparadies" vorbeigleiten.

Abend.
Mädchen, die in an einem Sonntag in einer Bank abhängen, weil es der einzige offene, geheizte Ort ist. Naja, hab ich auch schon gemacht.

Eine Fahrradgang rollt die Rochlitzer Straße lang. Einer trägt einen Armleuchter mit brennenden Kerzen. Die Luft riecht angenehm verbrannt.

Der Ort ist nie das Problem. Menschen, die sich woandershin geschleppt haben, sterben halt unter einer Veranda aus Glas statt Pappe.

Ansagenumwoben



Freitag, 21. November 2014

Das Juke in "Jukebox".

"The term jukebox did not appear until the late 1930s and its origins are in dispute. Some believe it is derived from the African word jook, meaning to dance. Others link it to the juke joints—roadside bars located in the South and frequented by African Americans—that were popular at that time."

Alternativer Ansatz:
"Probably [an] alteration of English dialect jouk to cheat, deceive."

Eine Vermutung:
"Man könnte ableiten, dass ja keine echten Musiker in der Box sitzen."

Etymologische Herleitung:
"From dialect jukehouse brothel, from juke to have sexual intercourse with, of Atlantic Creole origin; akin to Jamaican English juk to poke, stab, Krio chuk."

(Quelle: http://dict.leo.org/forum/viewUnsolvedquery.php?idThread=560565&idForum=2&lang=de)

Subwoofer für Subhumanoide

Ich fragte: "Wie vermittelt man Nachbarn, dass die Musik, die sie 24/7 hören, viel zu laut ist, ohne wie der letzte Rentner zu wirken?"

Es erschien mir mir ein extrem farbloser Engel, der sprach: "Geht nicht. Du musst dich dem Rentnertum hingeben, dann lebt es sich eh besser!"

Sollte es so einfach sein? Ich klingelte bei den Nachbarn. Es öffnete der Sohn, der meinte, er arbeite am Projekt "Humanbildhauerei mit Schallwellen", noch 6 Wochen, dann würde er aussehen wie Mateo von Culcha Candela. Ich fragte, ob ich eintreten dürfe. Folgendes Bild bot sich mir:


Ein Freund der Familie zerrte an der Quelle meines Übels, einem Apparat, der unerhört laut brummte und rief: "Die Box will einfach nicht schweigen!", ein anderer Mann, offenbar der Vater des Jungen meinte betrübt: "Sie wird uns töten."
Am Tisch saß das Ehepaar Kaltofen, das eigentlich nur zum Mittagessen vorbeikommen wollte. Er war bedrückt ob der Lage, sie fand sie spannend. Wie würden die Männer das Todesproblem lösen?



Gar nicht. Die Box schwieg unvermittelt, denn die Culcha Candela-Verwandlung war vorzeitig eingetreten, allerdings nicht, wie von ihm erwünscht, beim Sohn der Familie. Kaltofens zuckten mit den Schultern, machten es sich gemütlich. Das war doch endlich mal ein schöner Besuch bei Freunden.

Mittwoch, 12. November 2014

Arschtritt Lindgren kicks my ass: Heavy Bullets.













Denke beim Dschungel-Roguelite Heavy Bullets dauernd, wegen der Art, wie die gelangweilten Kinder sich einen Dschungel vorstellen und mit Farbe an Wände malen, an Astrid Lindgren und "Die Kinder im Dschungel". Warum muss sie so tief in meinem Kopf sein?
(Mit fünf wollte ich so sein wie der graue Kobold in dem Buch. Ich malte mir aus, wie es wäre, auch so einen Ringelschwanz zu haben und kriegte sogar ein entsprechendes Kostüm genäht - ich war dann allerdings eine einfache, graue Maus. Mit einem Stück Pappkäse als Requisite.)
Im Kindergarten wurde Wir Kinder aus Bullerbü vorgelesen. Man schickte mich und meinen Bruder raus, weil wir über die Namen Lasse und Bosse lachten.
Lindgren war überall, im Sitzkreis in der Grundschule, wo Michel aus Lönneberga dran war.
Nach Ronja Räubertochter benannte ich ein ganzes Album. So könnte das ewig weitergehen.
Das ist nicht in Ordnung. Lindgren konnte überhaupt nicht schreiben. Naja, sie hatte ein Gefühl für Griffigkeit und Stimmungen, das war es aber auch.
Von Tove Jansson, einer echten Kinderbuchautorin (deren Bücher lange Zeit schlecht ins Deutsche übersetzt wurden), redet heute kaum jemand, es bleibt eine - im Vergleich zu ihren Büchern - blasse Anime-Serie.

(Heavy Bullets ist übrigens toll. Glaubhafte Vegetation durch Abstraktion, eine Shootermechanik mit begrenzten Kugeln, die man immer wieder einsammeln muss, wodurch blindes Geballer komplett wegfällt, trotzdem äußerst schnell. Außerdem eine akzeptable Auslegung der mittlerweile müffelnden Neon-Palette.)

Supermarktchronik-Sonderausgabe: Panik.

Die Supermarktchronik war eventuell niedlich. Das hier weniger.

15. Oktober 2014
Hmmm. Klöße. Möchte gern Mäuschen sein, wenn die Familie von Thüringen-Fritz seine nächsten Karrieresteps plant. Frisör? Mehr Klöße? Nacktbilder??

Blättere ermattet durchs Kühlregal wie durch eine Schallplattenkiste auf dem Flohmarkt. Kenn ich, kenn ich, brauch ich nicht, langweilig... Hm, Kräuterbaguette Sweet Thai Chili.

Erblicke mein Spiegelbild in der Kühltruhenscheibe. Erschrecke mich sich sehr.

Sie fanden ihn völlig aufgelöst hinterm Netto. In seinem Stoffbeutel hatte er zwei Packungen Maultaschen und Windbeutel mit Schlagsahne.

 Der Krisenstab zitiert ihn mit: E-e-ssen. Immer essen. Wie eine dumme M-maschine. Wirkungsgrad ... Gering! Katastrophe. M-unddddepression.

7. November 2014.

Hm, welche Champignons nehm ich jetzt ... Ah, ich neh- Ein Kind rast mit Einkaufswagen beinahe ins Tomatensaftregal.
Wo war ich? Wer bin ich?
Stehe vorm Kühlregal. Alles verschwimmt. Der Back-Camembert mit der Wurst mit dem Eiersalat, alles läuft in einer Suppe über mich, nichts ergibt Sinn. Hände greifen nach einem Beutel Pizzakäse. Die schwere Regalscheibe schließt sich, schmiegt sich sanft an einen Kopf, wie eine Guillotine.


"Lass uns danken dem Herrn für Fleisch aus dem Tetrapak und unser sauberes Tischtuch." - "Papa, mach den da mal tot."

Die Kaffeekanne tropft mal wieder.

"Die Hydrophobie des Kaffeekannenschnäuzchens unterliegt der Wechselwirkung von Oberflächenspannung und Anhangskraft, abhängig von der Temperatur."
"Aha. Die Kanne tropft, weil ich den Ernst der Physik nie akzeptiert habe."
"Genau, das ist die Strafe. Du könntest ja auch einfach Tee trinken, da gibt es bessere Kannen."
"Bezahlt die Krankenkasse mir einen Koffeinport?"
"Weißt du was, wie wär es damit - ich gebe dir 10.000€ und dafür reden einfach nie wieder über Kaffee? Und Montage? Und die Bahn? Und Serien?"
"1€ würde mir auch reichen."
"Das wäre dir genug? Kann ich nicht glauben."
"Doch, es gibt da so ein altes Haus, das kriegt man für den Symbolpreis von - genau - einem Euro, das hat so einen morbiden Charme, weißt du?"
"Aha. Nun, ich gebe dir mein gesamtes nächstes Jahresgehalt, wenn du nie wieder mit mir redest."
"Wow, das ist so großzügig von dir. Du bist ein echter Freund."

Dienstag, 11. November 2014

Ello und Sozialistischer Realismus

Die Plattform Ello kitzelt bei einigen alte Blogreflexe, es wird wieder geschrieben, nicht zu knapp, man genießt das Fließen der Buchstaben, lässt sich ein bisschen gehen, stößt nicht dauernd gegen Zeichenmauern.
Die so entstehenden Texte erinnern mich aber auch an sozialistische Jugendbücher, sie fangen an mit:

"Neben dem Kondomwerk in Jena stand eine gewaltige Buche. Der Sommer 1981 war sehr heiß. Wir tranken Limo und gingen jeden Tag angezogen baden."

 Oder sie klingen nach Vati, der beim Therapeuten endlich den Mund aufkriegt, vor allem über seine Arbeit:

 "Zu meinen Aufgaben am Fließband gehört es auch, die Puddinghaut von den frischen Motoren abzuflammen. Kaum geboren, schon komme ich mit meiner Gasflamme. Der Kollege kratzt dann mit einem Schaber die verbliebenen Reste runter. Oft isst er sie."

Ich weiß nicht, wie vielen Menschen der Sound des sozialistischen Realismus (in Jugendbüchern) jetzt direkt im Ohr liegt, aber er ist gekennzeichnet von Details, Schwüle, einer gedrückten Stimmung, in den Büchern, die ich las, war es wirklich immer Sommer, man stromert über die Heide und beschreibt jede Pflanze im Detail, schürft sich das Knie realistisch auf, man kriegt beim Lesen Durst, es ist schrecklich. Das ohne Abstraktion konservierte Elend könnte allerdings in ein paar Jahren - oder vielleicht jetzt schon? - wieder interessant werden, ähnlich wie bei alten Zeitschriften, denen auch nicht ein kruder Kunstgedanke zu Grunde liegt, sondern die Bündelung von reiner Information.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

"Wir lästern nicht, wir erörtern n-" - "Ja, komm, lass uns ausschließlich mittels brackiger Witzchen kommunizieren, das macht so viel Spaß."

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Konzerte töten.

Wir brauchen neue Konzertregeln.
Zugaben abschaffen. Schluss ist Schluss. Nicht betteln. Keine Zigaretten. Jemand der singt, verdient das nicht. Selbst ich, der eher viel als wenig raucht, stell mich nicht vor eine Person, die mit ihrer Stimme arbeitet und blase ihr Rauch ins Gesicht.
Mir eh schleierhaft, warum manche Konzerte als ein Hobby haben. Schon die künstliche Wartezeit, es geht ja nie pünktlich los, ist doch lächerlich.
Und dann diese Menschenunordnung. Ein Knäuel aus Armen, Beuteln und Bierflaschen. Rumgeschoben werden. Barbarischer Scheißdreck ist das.
"War das eigentlich neulich ein kotzendes Krümelmonster auf deinem T-Shirt?" - "Das war keine Kotze, sondern ein Saxophon."

Dienstag, 7. Oktober 2014

"Rot ist eine tolle Farbe! Schwarz aber auch. Ein weißes Auto, das isses!" 2011. Ein hartes Jahr für den Skodadieb.

(In der Eisenstuckstraße wuchs ich übrigens auf, zwischen 1990 und 1997.)

Freitag, 26. September 2014

Hohle Eier

Jens Friebe covert Momus' Stück "What Will Death Be Like?". Im Original doziert Momus über 7 Minuten lang, wie der Tod nicht sein würde ("Death will be unlike the bankrupt handing over the keys to his house") um dann ganz unvermutet nach dem letzten "Death will be like" die Gitarre zu verreißen. Stille. Eine Pointe.
 


Jens Friebes Version dagegen ist vornehmlich hübsch vorgetragen. Aber es fehlt der Schluss. Er lässt das Stück nach irgendeinem Bild langsam auslaufen. Hat er den Witz nicht verstanden? Gab es je einen Witz? Hat die Selbstverliebtheit des Sängers den Inhalt besiegt? Ich will es nicht Phänomen nennen, aber mir begegnet das häufig bei Menschen, die Geld mit ihrer Stimme verdienen: Der professionelle Sprech- oder Gesangsmodus ist so fordernd, dass keine kognitive Kapazität mehr für den Inhalt übrig bleibt. Es klingt schön, aber unter einer dünnen, gespielten Schicht Interesses ist gar nichts mehr. Das begegnet mir häufig bei Trailersprechern im Kino, bei Privatsendern ... Männer mit vollen Stimmen werfen sich in Stimmschale, aber knackt man sie, ist darunter ein leeres Ei.

Angst und Androgynie.

Ich werde heute nach Dresden fahren, zu meinem Bruder und einen seiner Computer mit Windows 98 bespielen, denn jemand schenkte ihm mal eine Soundkarte mit 8 Eingängen, die zum Laufen zu kriegen einer seiner größten Träume ist. Für diese Karte wurde der Treibersupport ca. 2000 eingestellt. Das ganze Unterfangen ist also höchst fragwürdig, ich mache dennoch mit. Damit er merkt, dass ich ihn mag. Und weil ich es liebe, Computer neu einzurichten. Alles entfernen, das Türkis des alten Windows-Desktops, dafür nehme ich auch eine Mitfahrgelegenheit auf mich mit vier Menschen im Auto, deren Schenkel ich nicht zufällig berühren möchte, während wir auf der Rückbank sitzen. Von Mittweida nach Dresden sind es, bei guter "Verkehrslage", ungefähr 45 Minuten. 45 Minuten, in denen ich völlig verkrampft sein werde, zumindest körperlich. Werde ich mich zusammenziehen, um möglichst wenig Raum einzunehmen, versuchen, durch die Nase zu atmen. Ich habe keine Angst vor Menschen und dann eben doch. Ich kann jeden ansprechen auf der Straße, natürlich tu ich es nicht. Ich bin nicht mein Bruder. Aber ich könnte. Weil im Moment der Angst Androgynie erzeugt wird - Fremden begegne ich in einem neutralen Modus, irgendwo zwischen Niedlichkeit und Nassforschheit. Versteht man das? Dennoch lebe ich mit der Vorstellung, vielleicht sogar der Gewissheit, dass mich Menschen töten wollen, mir den Schädel einschlagen, irgendwas auspusten.

Donnerstag, 25. September 2014

Steine #1



Lat. lapidarius = zu den Steinen gehörend; in Stein gehauen; nach dem gedrängten, knappen Stil altrömischer in Stein gehauener Inschriften.

Bin für einen Superhelden, der sich immer mächtig mit "Ich bin Lapidaredevil, der Superheld mit der Felsenfaust, der allein in einer Höhle haust!" vorstellt und dann erstmal umständlich seinen Namen erklären muss. 
"Lapidaredevil, von lat. Lapidare, in Stein gehauen, weißte und dann wie Daredevil und-" - "Halt's Maul, Lappi!" 

Aber eigentlich sind mir Superhelden extrem egal.

Montag, 15. September 2014

Diesen Eintrag widme ich dem Haus in der Yorker Tuke Avenue 21,
in dem ich 2005 meinen Verstand wiederfand.


Mittwoch, 10. September 2014

Unfun Facts

Der Borneo-Orang-Utan Sam ("Duston allein im Hotel") starb 2010. Er mochte keine nackten Füße und spuckte jeden an, der Flip-Flops trug.

Dienstag, 9. September 2014

Animal Crossing, Prävisualisierung und versteckte Emotionen

Derzeit beschäftige ich mit einem Teilproblem der Prävisualisierungssoftware meines Arbeitgebers - nämlich, dass Figuren in einem 3D-Raum zwar herumgesteuert und auf Knopfdruck auch mit Animationen aus einer Bibliothek belegt können, dabei aber der Vorsatz des "Actings" völlig verloren geht, bzw. nicht über das hinaus kommt, was man beispielsweise in MMOs findet. Eine Figur steht herum, wedelt mit den Armen oder reißt lachend den Mund auf, entweder loopt die Animation oder ist irgendwann durchgelaufen. Dies verhindert die Darstellung differenzierter Gefühlslagen.

Im letzten halben Jahr mit Animal Crossing: New Leaf stellte ich fest, dass es Parallelen zwischen den 40 Emotionen, die sich dort zeigen lassen und unserer Bibliothek gibt - extrahiert man nämlich Zwischenstände, etwa einer Lachanimation, verbergen sich dort Subemotionen, die, festgehalten mit der AC:NL-Screenshotfunktion, wieder eigenständige, abgestufte Gefühlslagen ergeben.

Da das Programm, für das ich arbeite, hauptsächlich mit einem Gamepad gesteuert wird, ist nun die Herausforderung, Animationsparameter mit beschränkten Eingabemöglichkeiten zu beeinflussen.

Ich verzichte dabei bewusst auf die 1:1-Steuerung einzelner Körperglieder. Sicherlich ließe sich Winkel eines Armes an den Laufweg eines Gamepadhebels koppeln, aber für den Bereich 3D-Prävisualisierung ist diese Herangehensweise zu langsam.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass an die Rotation eines Analogsticks eine komplette Animation aus einer Bibliothek gebunden wird. Diese wird aber nicht einfach abgespielt, stattdessen entspricht der Winkel 0 Frame 0, 360° ist der letzte Frame der Animation. Natürlich bestehen die meisten Animationen in ihrer Gesamtheit aus mehr als 360 Frames, deswegen findet dort eine Mischung aus Spreizung und Interpolation statt - ich teile etwa 1000 Frames durch 360 und bei jedem Grad wird ein Mikroteil der kompletten Animation abgespielt - der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass ich nun für Nahaufnahmen auf einmal Zugriff auf 360 Abstufungen einer Lächelanimation habe, die von euphorisch bis verhalten reichen.


Animation "Geschockt" bei einem Winkel 100°

Dieselbe Animation bei 220°

Durch die Verwendung von Animationsbibliotheken bin ich nicht gezwungen, mich damit zu beschäftigen, wie ich eine Emotion überhaupt darstelle ("Hebt ein trauriger Mensch seine Augenbrauen?"), gleichzeitig bin ich aber auch nicht der Beliebigkeit einer vollständig durchlaufenden Animation ausgeliefert: zu oft sah ich bei Testaufnahmen, dass Szenen häufig wiederholt werden mussten, weil der tatsächlich passende Emotionsgrad nur zufällig auftrat.

Diese Art von Gamepad-Expressivität ist letztlich nur eine Ergänzung zu anderen eingebundenen Interfaces wie Kinect, die aber wiederum ihre eigenen Schwierigkeiten mitbringen.

(Die Software soll Drehbuchautoren ermöglichen, ihre Filmideen schnell zu visualisieren.)

Montag, 1. September 2014

Mein Gastbeitrag bei These Nerds über Monstertrucks und die Schönheit kruder Spiele ist nun fertig. Aufregung!

Samstag, 30. August 2014

Heute hat die ARD Sky du Mont als Timelord in der deutschen Adaption von Doctor Who bestätigt: "Da die Deutschen keine Notrufzellen kennen, wird unser Doktor Hü auf einem Zeitreisepferd namens Max reisen und unterwegs vielen in Not geratenen Tieren helfen."


Freitag, 29. August 2014

Schnell, schnell, Spiele! #1

Griff mir eine relativ beliebige Auswahl meiner Spielekäufe der letzten Monate heraus, mit dem Vorsatz, zu jedem Titel ein paar Worte zu verlieren.

Deus Ex: Human Revolution
 

Ekelte mich schon während des Intros an. Schaffte es nicht darüber hinaus. Ich würde gerne schreiben: "Hollywood für Menschen mit Behinderung", aber das ist nicht cool, deswegen stattdessen: "Für Menschen mit Beh- Behi-- Bewunderung für Hollywood."
Könnte noch was über die Hauptfigur sagen, möchte das aber eigentli ni- DAS BÄRTCHEN! Was für ein widerliches, kleines Bärtlein.
MEGA!
Adam, deine Geheimratseckchen, deine Verwendung billigster Haarpflegeprodukte, was soll das? Wasch dich mal!


The Stanley Parable


Hatte eine Demo, die jeden Schritt der Figur kommentierte und einige schamvolle Hihi-Momente erzeugte, in denen ich mir schön ertappt vorkam, auf so eine ganz basale Art und Weise, wie, wenn man mit dem Finger Zuckerreste vom Kaffeetassenboden abkratzt und dabei erwischt wird.
Das Hauptspiel blieb mir vor allem durch die Eigenheiten der Source Engine in Erinnerung, die Spielen so einen interessanten Glanz verpasst, als würde man einen Brutalismusbau mit einem dünnen Lack anstreichen. Ja, ich mag die Source Engine sehr gerne.
Die Offensichtlichkeit des Branchings fand ich dann weniger spannend, auch nicht die willkürlichen Veränderungen nach mehreren Durchgängen. Auf der einen Seite ein zu durchschaubares System, auf der anderen Seite ein intransparentes.


Paper Sorcerer


Das Spiel, das scheinbar jeder nach zwei Stunden weglegt. Hat Loopfehler in der Battlemusik. Der Wizardry-Ansatz, nicht sichtbare Dinge im Dungeon textlich zu beschreiben ist mächtig und begeistert mich.
Das rundenbasierte Kampfsystem wirkt jedoch wie von jemandem konstruiert, der noch nie einen Dungeon Crawler gespielt hat. Ich rede nicht von asigen Komfortfunktionen. Eigentlich interessiert mich das Grenzland zwischen Flow und Nichtflow ja sehr, hier neigt sich der Kopf aber sehr zu letzterem und dann auf die Tastatur. Schrecklich lange Kämpfe. Danach die Aussicht auf einen weiteren, schrecklich langen Kampf. Nicht okay. Dann doch lieber The Dark Spire. Oder Bane of the Cosmic Forge.


Consortium


Basiert auch auf der Source Engine, läuft auf meinem Computer aber gar nicht gut. Alle paar Wochen versuche ich einen weiteren Anlauf, weil ich unbedingt wissen will, was es denn nun mit diesen Crew-Interaktionen auf sich hat, die so anders und vielfältig sein sollen. Komme dabei aber nie weit, ich weiß nicht warum. Die Texte sind auch rechts abgeschnitten. Ich mag Texte total, deswegen ist es nicht okay, sie abgehackt und ungepatcht zu lassen. Über Monate.
Was mich auch nicht gerade motiviert, das quälende Intro durchzustehen ist, dass die Grafiker von Consortium kein besonderes Stilgefühl zu haben scheinen und meinen, Raumschiffe dürften niemals von einem Template abweichen, das sich wahrscheinlich ein Star Trek-Setdesigner in den 60ern mal aus schierer Materialnot bei einem Baumarktbesuch ausgedacht hat: niedrige Decken, furzende Türen, komische Konsolen mit Knöpfen. Finde allerdings die Idee, das Raumschiff von außen wie ein dickes, süßes Flugzeug aussehen zu lassen, ganz cool.

Dick und süß: Mein Stiefbruder hatte so ein Flugzeug, es war eines seiner ersten "Westspielzeuge"
und ich setzte mich ausversehen drauf.

E.Y.E.: Divine Cybermancy


Eigentlich ein ziemlich guter Titel. Ist auf so eine positiv-studentische Art und Weise wagemutig, mit korksigen Vokabeln, technomystischem Anstrich. Wie eine Reise in die Gedankenwelt eines Bald-Uniabbrechers, der  proppevoll mit Wissen, das nicht zu seinem Studium gehört, viel davon echt dummer Scheiß, aber nicht alles, bald zum Jupiter fliegen wird. So raketenrucksackmäßig, weißte? Prrrschhhhhhh, ich brauche keinen Abschluss, pprsschhhfhch, mein Wissen wird zu Treibstoff, wuiiii, tschüssi, Pforzheim, ich fliege ins All.
Das eigentliche Spiel ist ein Egoshooter mit einem Hackingansatz, der die zu hackenden Objekte endlich mal nicht als Opfer behandelt - per Hack angegriffene Türen schlagen zurück und kämpfen! Das ist echt nobel und entspricht so gar nicht dem Shooter-Paradigma, laut dem sich die ganze Spielwelt dem Spieler unterzuordnen hat.
Was mir aber nicht so gefällt ist, wie sehr die Drähte des Spiels freiliegen. Wird eine Map geladen, so findet ein sichtbarer "Verbindungsprozess" statt, als wäre man in einer Art Multiplayer-Partie, das ist zwar nur eine Formalität, weil natürlich im Endeffekt ein Ladebildschirm ein Ladebildschirm ist, aber ich finde bei Shootern, wo Welten aneinandergehängt und abgekoppelt werden wie Güterwagons, bricht die Illusion einer "ganzen" Welt sehr schnell. Eben besonders in E.Y.E.: Divine Cybermancy.

Adeligkeit und Steam.

Neulich lernte ich auf Steam den König des Kruden kennen. Er nennt sich (°o°) und ist bis heute der einzige Besitzer des Titels 4x4 Dream Race:

Ja, dort steht "nur" der Peakwert.
Liebe Statistiker, lasst meine Übertreibung leben.

4x4 Dream Race
ist wirklicht ungut, da gibt es nichts zu beschönigen, was mich aber mehr interessiert als dieses Autorennspiel ist die Fragilität der Adeligkeit. Allein durch meinen Eintrag hier könnte und, dank der unmenschlichen Gesetze des Internets WIRD, ein matschiger Scherzkeks 4x4 Dream Race kaufen. (°o°) fürchtet diesen Tag. Wird das Internet sich anständig verhalten können? Ich werde berichten.

Donnerstag, 28. August 2014

"Enter Backwards Bob®, the very first Monster Jam truck that’s always going the wrong way."


Ich habe 30 Freunde (und zwei Hunde) in meinem Leben, alle leben sie in der Schachtel des Monstertruck-Quartetts "Monster Jam": Avenger. Backdraft. Black Stallion. King Crunch. Madusa. Maximum Destruction. Mohawk Warrior. Bounty Hunter. Brutus. Grinder. Bulldozer. Monster Mutt. Monster Mutts Hund, ein Dalmatiner. Monster Mutts zweiter Hund, diesmal ein Rottweiler. Prowler. Captain's Curse. Dragon's Breath. El Toro Loco. Die drei Grave Digger-Brüder. Stone Crusher. Pouncer. The Felon. War Wizard. Jurassic Attack. Gunslinger. Lucas Oil Crusader. Spike Unleashed. Und natürlich mein bester Freund Backwards Bob, der Truck, der immer in die falsche Richtung fährt.

Mittwoch, 27. August 2014

Aus dem Ruder

Mein Kopf wird nachts vermietet an geschlossene Gesellschaften. Familienfeiern. Betriebsfeste. Viele Menschen unterhalten sich dort, während ich schlafe, darüber liegt kein Schleier. Meine Nächte sind exakt wie meine Tage - ich liege in der Ladestation und was hineinfließt, wird gleich wieder verbraucht.
Ab 6.00 Uhr werde ich dann müde, möchte niemanden mehr sehen, ganz wie auf einer normalen Party. Ich gehe dann, was hier bedeutet: ich fliehe aus dem Bett, um meine Ruhe zu haben. Und bin natürlich nicht aufgeladen.
Ja, ich war bei einem Arzt - er gab mir ein mobiles, umzuschnallendes Schlaflabor mit, gleich am selben Tag noch, ich habe Glück sagte er, das Gerät sei oft monatelang vergeben.
Ein Computerklotz als Herzstück, davon abgehend Schläuche und Sensoren, um 23.00 Uhr, etwas zu spät, wickele ich mich darin ein.
Am nächsten Morgen kriegt die Praxis die Apparatur zurück.
Zwei Wochen später ist der Auswertungstermin. Der Arzt deutet auf den Bildschirm, an dieser Stelle im Graphen könne man eine deutliche Anomalie feststellen, Atemaussetzer.
Man müsse das ernst nehmen, schließlich würde in diesen Momenten kein Sauerstoff transportiert. Jedoch, um 4.00 Uhr Morgens sei mir der Herzschlagsensor, der am Finger festgeklemmt wird, abgefallen, dort wär nur noch eine Nulllinie angekommen - dadurch seien die Ergebnisse unbrauchbar. Aber. Die Anomalie. Aussetzer. Ich verstehe nicht. Ist das nicht eindeutig?
Nein, ich solle in drei Monaten wiederkommen und mir das Gerät noch einmal abholen.

Möglicherweise habe ich mir gerade versucht, auf dem Arbeitgebermännerklo meine Haare mit fit-Handspülmittel zu waschen.
Die Kaffeemaschine war noch an von gestern, röstete einen Kümmerschluck Kaffee. Möglicherweise habe ich ihn getrunken.
Mein T-Shirt ist voller Katzenhaare.
Ich möchte ein Italo Disco-Album aufnehmen.
Habe jemanden kontaktiert, der mir dabei helfen könnte.
Ich suche die Verbindung zu anderen Menschen.
Wieso kommt mein Geld nicht? Ich möchte zum Friseur.
Ich möchte Ausflüge machen. Ich will nachts ordentlich schlafen.

Dienstag, 26. August 2014

Tablettenurlaub

Urlaub ist ein Witz, ein mentaler Bimetallschalter, der sich mit Annäherung an den meist wärmeren Zielort verbiegt und den gewünschten Zustand auslöst: nicht zu Hause sein. Andere leben hier am Wunderkurort und hegen eine halbwegs ausgepegelte Abscheu, wie es eben gesunde Menschen tun. Man selbst findet alles toll, die Luft, die Parkbänke, Pflanzen und Tiere. Es ist nicht gerechtfertigt. Das einzige, was hier von dort unterscheidet, sind ein paar zurückgelegte Kilometer.
Gäbe es eine Tablette, die das Urlaubszentrum des Gehirns erwärmte und so auch am banalsten Ort Welt die sonst teuer erkaufte Bewunderung für die Fremde auslöste, ich würde sie schlucken. Jeden Tag.

Maskulinität im Discounter.

Ich stehe am Schokoladenregal, zucke kurz zusammen, als zwei Männer mich streifen. Sie sind auf mehreren Ebenen gleichzeitig anwesend: mit ungedämpften Stimmen, festem Tritt und einer bemerkenswerten Geschwindigkeit. Mich stört das nicht, ich bemerke es nur.
Später an der Kasse. Die Frauen dort sind bei mir stets ruhig. Sie kennen mich, denn ich kaufe seit mehreren Jahren regelmäßig dort ein. Das Scan- und Bezahlprozedere verläuft immer gleichmäßig. Ich erzeuge eine Sinuskurve.
Nach mir kommen die Männer vom Schokoladenregal. Nun passiert etwas, das ich mir nicht völlig erklären kann: Die Kassiererinnen schnellen hoch und werden schäkerig, fragen die Männer dies und jenes, jedenfalls verhalten sie sich vollkommen anders als bei mir. Gut möglich, dass man sich hier in der Kleinstadt einfach kennt. Ebenfalls jedoch könnte es auch sein, dass die teilweise sehr spezielle Kundschaft mit eben jenem, oben beschriebenen, durchaus einschüchternden Auftreten (das die Form einer Sägezahnwelle mit irregulären Ausschlägen hat) ein lang antrainiertes Verhalten auslöst - sei verspielt, gibt dich mädchenhaft, dann werden sie dir nichts tun. Lache um dein Leben.
Ich möchte beim Einkaufen nicht flirten. Räume ich mit meinem Auftreten eine einminütige Pause vor Bedrohungen ein? Vielleicht bin aber auch ich einfach verstockt und man nimmt tatsächlich auf mich Rücksicht.
An dieser Stelle muss ich dringend klären, dass ich kein Problem mit sogenanntem männlichem, eventuell ungeschlachtem, Auftreten habe, obwohl ich es oft als bedrohlich empfinde. Aber mir ist auch klar, dass von dieser Bedrohung viel nur gefühlt und nicht belegbar ist.
Ich habe in meiner anhaltenden Auseinandersetzung mit Männlichkeit kein Interesse an Abgrenzung, suche nicht meinem gar schon vor dem ersten Verhandlungstag umzäunten, finalen "Platz". Mein Interesse an kokettem Ekel ist gering. Ich pflege eine dauerhafte Ergebnisoffenheit, das bedeutet, Korrekturen zuzulassen, von der eigenen Erwartung abzuweichen und das bis ans Lebensende.