Mittwoch, 18. April 2012

Philosophie für fortgeschrittene Anfängerexperten

Über das Gedanken-Magazin “Hohe Luft”, das jetzt in Serie geht

Neulich am Bahnhofskiosk: etwas zu lesen muss her für eine mehrstündige Zugfahrt.
Es sollte mehr Text als Bilder enthalten, sonst droht bei vorzeitigem Auslesen das Bahn-Magazin mit Portraits von Boris Becker und Udo Jürgens. Also eine weitere Runde Kriegsgeschichten des Print-Opas Spiegel? Oder doch die selbst mit viel Fahrzeit schwer zu erlegende Frankfurter Allgemeine Zeitung? Alle Auswahl ist schwer am Kiosk, zwischen Bilderbögen und Bleiwüsten. Aber ab und zu gibt es Print-Neugründungen, die auf schon beinahe überempathische Weise den Markt und den Leser verstanden haben wollen: handlich, grafisch aufwendig, aber nicht opulent. Und vor allem genau auf der Hälfte zwischen Anspruch und Nachgiebigkeit eingependelt.
Das Philosophie-Magazin “Hohe Luft” ist so ein Vertreter der neuen Freundlichkeit. Philosophie, aufbereitet nicht nur für “Bücherwürmer und Experten”, sondern für “das Leben”, so stellt es sich Chefredakteur Thomas Vašek vor.
Benannt nach seiner Hamburger Heimat erschien “Hohe Luft” im letzten Jahr erstmalig als Testballon des Frauen-Besserverdiener-Blattes “emotion” und geht nun in Serie, angefächelt von reichlich positiven Rückmeldungen durch Leser und Kritiker. Tatsächlich findet sich unter den abgedruckten Leserbriefen in der ersten Serien-Ausgabe nur eine einzige kritische Stimme – und der ist nur die Schrift zu klein. Nichts soll hier den Leser von der Illusion abhalten, er gebe sich ganz der Bildung von Herz und Verstand hin. Zur Verstärkung des Wohlfühlfaktors trägt eine Heerschar von Illustratoren bei, die jedem Artikel ein passendes Bild aufpinselt. Vor der bunt angemalten Tafel wartet aber dennoch ein Schulmeister, der jetzt die Aufgabe hat, einem Publikum mit und ohne Vorbildung gerecht zu werden.
Mit einer penetranten Beflissenheit werden Themen wie “Lügen” oder “Vertrauen” über mehrere Seiten hinweg regelrecht abgearbeitet, jeder Denker, der einmal etwas passendes verfasst hat, wird zitiert. Die Frage bei diesem Herangehen ist: Regt es zum Denken an – oder regt es auf?
“Hohe Luft” betreibt das Zelebrieren von Fremdgedanken, unterstützt die Ansicht, jeder kluge Gedanke sei schon gedacht, man müsse ihn nur in sein Repertoire aufnehmen. Aus der hohen Gruft ergießt sich das Wissen der Toten. Die Frage nach der Jetzt-Tauglichkeit von “Hohe Luft” ist berechtigt. Der Bezug zum Leben des Lesers findet nur indirekt statt, kleine gegenwärtige Beispiele – wie viele Halbwahrheiten darf man einer auf dem Sterbebett liegenden Person zumuten – dienen als Einleitung, dann geht der Personenkult weiter. “Und schon X sagte im Jahre Y...” Manchmal scheint es, als seien die Autoren selbst eingeschüchtert und begnügten sich als Nachlassverwalter. Sind sie es einmal nicht und vertrauen ganz auf ihr eigenes Wort, so kommen frische Artikel dabei heraus, wie einer in der zweiten Ausgabe, der die Notwendigkeit des sich Entschuldigens hinterfragt.
Einerseits ist es diesem Philosophie-Magazin durchaus anzurechnen, dass es nicht den einfachen Weg der Precht’schen Beraterbibel geht und 99 Wege zum Glück offeriert. Andererseits wünscht man sich, trotz versuchter Bezugnahme auf iPhones, die Piratenpartei und selbststeuernde Autos, einen moderneren Ansatz, der noch klarer trennt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sicherlich, Erkenntnis verdirbt nicht, nur weil sie 200 Jahre alt ist – immerhin wird hier wieder und wieder die Frage aufgeworfen, inwiefern sich aktuelle Probleme mit “altem” Wissen lösen lassen gemäß “Schauet in die Vergangenheit und lasset die Weisen eure Probleme lösen!” Das ist ungefähr so naheliegend wie bei politischen Problemen andauernd Helmut Schmidt anzurufen. Im Jahr 2012 befremdet eine so unaufmüpfige, ja beinahe wohlfeile Wissenssammlung, die sich nicht so recht entscheiden kann zwischen Grafikdesigner-ABM, Oberschichten-Illustrierter und echtem Schnuppern an frischer Luft.