Mittwoch, 28. März 2012

Diva als Dienstleister

Madonna tanzt und tanzt und tanzt

Wer ist die schönste im ganzen Land? Welche selbstverwirklichende Glitzermutti darf auf dem Thron sitzen? Die Welt ist besessen von einem regelrechten Queen-Komplex, außerordentlichem Klammern an lebende Superlative. Daran zeigt sich die Sehnsucht nach Führungskräften, die tanzen können und deren Laseraugen bis an den Himmel leuchten, um dort „wichtige“ Botschaften zu hinterlassen: „Uh la la you're my superstar, uh la la that's what you are.“ Trotz solch lose hingeworfener Inhalte – Madonna ist freilich die Königin! Und sie hat sich verbissen. In ihren Beruf als Begleiterin für Menschen auf dem Weg zu größerem Selbstbewusstsein.
Aber das Alter ist der Emanzipatorin anzumerken. Keine berufliche Laufbahn führt bis zum natürlichen Tod, vorher kommt der Ruhestand. Nur Madonna wartet auf noch mehr Ruhm und eine neue Generation von zu rettenden Mädchen. Wie eine Grundschullehrerin nahe an der Rente, die sich ein letztes mal ihre Tüchtigkeit beweisen und eine weitere erste Klasse aufwachsen sehen will. Aus Altersschwäche und Ehrgeiz entsteht nicht selten ein Cocktail aus Fehlern und Hochmut. So salbt sie ungefragt ahnungslosen Chartskäufern spirituelles Halbwissen auf Wunden, die diese gar nicht haben. Gleichzeitig verweist sie mit aber Titel ihres jüngsten Werkes „MDNA“ auf die abgehalfterte Droge Exstasy; dem kürzesten Weg zu einem sehr fragwürdigen Verständnis von Spiritualität. Madonna preist Wasser – und trinkt Schampus, ist heute hier, morgen dort, fleischgewordener Widerspruch.
Als Poplady kommt sie mit den größten Ungereimtheiten davon. Und in die Charts. Wer unterhält, dem sieht man einiges nach. Madonna zu kritisieren hieße also, die Party zu verderben und künftig als Spielverderber alleine im trostlosen Vorgarten zu sitzen. Nur sind solche in Turnzeug getarnte Mystik-Trullas in Wirklichkeit wesentlich gefährlicher als willenlose Politiker, haben sie doch längst die Autoritätsrollen getauscht. Und wo Politiker in Sitzungen Sudokus lösen, führt die Herzkönigin Madonna echte Kriege. Gegen Körperfett, Falten und die Verherrlichung des entspannten Altwerdens! Natürlich auch gegen junge, gaga Nachfolger. Ihr spielerischer Umgang mit Drogen ist eine Verbeugung vor dem Club-Publikum, das ihr dafür dankbar Pillen aus der Hand frisst. Wenn Mutti Madonna konsumiert, ist das Absolution und Appell zugleich. Nur: Mutti ist nicht dumm, Mutti konsumiert nicht. Sie tut nur so. Drogen sind viel zu gefährlich für ihren waffenartigen Körper. Sie ist eine grimmige, muskelbepackte Chartshexe, die nur dann aussieht, als würde sie lächeln, wenn man sie auf den Kopf stellt. Und wenn sie dann nach ihrem mehrstündigen Workout doch mal schwach werden sollte, greift sie wahrscheinlich zähneknirschend zur E-Zigarette. Wenn schon schwach, dann wenigstens rußfrei.