Mittwoch, 11. Januar 2012

Mit Scham, Charme und Perücke

Christian Ulmen geht undercover – diesmal als Schüler „Jonas“ an einer Gesamtschule

„Meth kills“ warnen Plakate in ganz Mittweida vor der synthetischen Droge Crystal Meth, darunter ist ein vom Missbrauch zerfressenes Gesicht zu sehen. Mit einem Durchschnittsleben hat diese Warnung nichts zu tun – „Math kills“ wäre treffender für die Probleme vieler Menschen.
Angst vor Mathematik, vor Millimeterarbeit beim Denken und der Schule an sich: Der Schauspieler Christian Ulmen exhumiert im jetzt angelaufenen Filmexperiment „Jonas“ seine Erinnerungen an die Schulzeit. Dazu gab sich der 36-jährige Ulmen als halb so alter mehrfacher Sitzenbleiber Jonas aus, der eine letzte Chance auf einen Schulabschluss erhält und dabei von einem Kamerateam begleitet wird.
Die wegen ihrer Unauffälligkeit als Drehort ausgesuchte Gesamtschule in Brandenburg ist ein Ort, wo die Schüler geistig rege sind, aufbegehren bei Ungerechtigkeiten, aber nicht auf diese unkommunikative Art lamentieren, die Lehrer so verrückt macht. Lauter liebe Jungs und Mädchen. Mit Makeup-Schicht und Perücke bewegt sich Jonas ebenso lieb durch den Schulalltag und ist nie auf Provokation aus. Selbst Heinz Rühmann in „Die Feuerzangenbowle“ hatte mehr Biss.
Das verwundert, zumal Christian Ulmen in früheren Formaten wie „Mein neuer Freund“ versuchte, Fremde vor ihren Bekannten möglichst schnell zu beschämen. Das zeitweise ins Anbiedernde reichende Verhalten der Figur Jonas - auffallend oft bedankt er sich bei Lehrern für den Unterricht - wirkt für den Zuschauer unerklärlich, zumal des Sitzenbleibers wahre Identität den Lehrern bekannt war.
 Für ein filmisches „Experiment“ ist das ein sorgloser Versuchsaufbau mit unklarer Fragestellung. Aber so genau will sich ohnehin niemand festlegen, weder Regisseur noch der einzige Schauspieler. „Jonas“ sei einfach irgendwas, aber mit Sicherheit ganz viel nicht: kein Spielfilm, keine Dokumentation – selbstverständlich aber etwas Neues. Am ehesten dient er noch der persönlichen Schultrauma-Verarbeitung, einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
„Jonas“-Regisseur Robert Wilde bringt die Fixierung auf Ängste dazu, den Blick auf den Schulalltag an den uninteressanten Stellen scharf zu stellen. Dazu gehört wie selbstverständlich eine Szene im Sportunterricht, die den dicklichen jung-alten Ulmen beim Versagen zeigt. Sportunterricht ist unmenschlich, Mathematik braucht keiner, die Zukunftsangst eines Chemielehrers ist unbegründet – abgegriffene 68er-Mantras.
Das wäre weniger schlimm, wenn der Blick auf das Geschehen dokumentarisch bliebe. Dazu würde auch gehören, Szenen in ihrer vollen Konsequenz zu zeigen. Aber wenn Jonas in der Mathematik-Klausur Nasenbluten bekommt, auf sein Blatt tropft, folgt ein Schnitt, aber keine Reaktion des Umfelds. Dass der Lehrer eingeweiht war, verhindert, sein gleichgültiges Verhalten in der Szene als Kommentar zu werten. Ulmens Schulausflug ermüdet, denn er fordert heraus, die halbechte Unterrichtswelt ständig abzuklopfen nach hohlen Stellen. Jede durchinszenierte Reality-Sendung wie „Familien im Brennpunkt“ ist glaubhafter, denn dort herrschen eindeutige Regeln: RTL und Tochterfirmen inszenieren eine Scheinrealität, die um maximale Echtheit bemüht ist. Ob der Zuschauer alles durchschaut oder aber glaubt, ist ihm überlassen.
Christian Ulmens neuer Film ist wie die Figur, die er spielt: rosig und geföhnt. In der unwahrscheinlichsten Szene sitzt der Junge allein mit seiner Ethiklehrerin in einer Kirche und redet über den lieben Gott. Durch die Schminke, die wie Abdeckcreme wirkt, leuchten in hier keine Pickel, sondern ein erwachsener Mann. Immerhin, wenigstens die Lehrerin zeigt sich nüchtern und glaubt nicht an Schöpfungsmythen. Ein kleiner Sieg für die Nüchternheit in einem Film, der nichts unheimlicheres kennt als ein paar Gleichungen.