Mittwoch, 18. Januar 2012

Fünf Freunde im alten Deutschland

Wie die Chemnitzer Band Kraftklub die Liebe der BRD entfachte

Wenn Enid Blyton das noch hätte erleben dürfen: Fünf Freunde, gemeinsam schick und dünn, verschiffen die Tristesse des Englands der 80er Jahre nach Deutschland und werden, wie die Bücher Blytons im Original heißen, die Famous Five. Diese durften nie erwachsen werden. Was alles hätte geschehen können: Die stets hilfsbereiten und wohlerzogenen Kinder hätten Probleme mit Mädchen gekriegt, sich Instrumente gekauft und wären die Bloodhound Gang Ostdeutschlands geworden. Als Kraftklub wären sie aufgetreten, „im Namen der Liebe“. Die Monarchie dabei in England lassend, denn „Die Prinzen“ sind tot. Kraftklub-Sänger Felix Brummer wäre der neue Lord der Schulbands.
Das ist 2010 Realität geworden. Denn eine Schulband sind Kraftklub ursprünglich tatsächlich. Eine Gruppe namens Neon Blocks, die Postpunk und New Wave aus dem Lehrbuch spielt. In der Strophe Gitarrenanschläge, die klingen wie gerade so noch mit schmerzender Hand hingemalte Zahlen kurz vor dem Pausengong. Wenig später Bier und Wodka in einem Partykeller – fast alle Refrains auf dem Debüt „Mit K“ tanzen auf den unzerstörbaren Trademark-Discorhythmus. Wer ihn hört, erkennt ihn sofort. Aber Kraftklub brauchen sich dennoch nicht als Chemnitz’ Gang of Four beschimpfen zu lassen. Denn ihr fünftes Mitglied Felix ist ein Segen, mit dessen Texten sich alle dummdeutschen Bands heilen ließen. Silbermond mit ihm als Frontmann würden ihrer Heimat Bautzen zu neuem Glanz verhelfen. Aber die tun es nicht, weder spiegeln sie musikalisch ihre Herkunft, noch spielen sie damit. Kraftklub dagegen vertreten die ehemalige DDR als die ärmsten Playboys aller Zeiten, ihre Mansion ist der Club Atomino. Und sie sind stolz darauf. Nichts ist erotischer als ein Mann, der mit Überzeugung Beck Hansen zitiert anstatt Kurt Beck zu wählen.
Aber, liebe Mädchen und Frauen, bevor ihr begeistert Liebesbriefe an die Band schreibt, müsst ihr jetzt tapfer sein – Kraftklub daten seit circa einem Jahr eine Frau namens Germany. Sie haben jetzt auch einen besseren Job bei der mächtigen Universal - und das nicht bloß als Tellerwäscher, ihr Leben hat sich verändert. Sie sind zu Gast bei Stefan Raab, nicht mehr beim Arbeitsvermittler. Die Liebe wuchs stetig, aber das Geständnis ließ ungewöhnlich lange auf sich warten; das Geständnis in Form eines kaufbaren Albums. Gentlemen fallen mit ihrer Zuneigung nicht ins Haus. Doch jetzt ist es soweit, Kraftklub offenbaren sich: Germany muss auf die Frage antworten – liebst du Kraftklub oder nicht? Schmeichelnde Synthies gibt es hier so gut wie keine, nur Geigen im Liebeslied „Kein Liebeslied“. Und sie werden auch gleich wieder verhöhnt. Kim Frank würde abnehmen für so einen Song, für ein Comeback von Echt, ohne ein Bandmitglied namens Puffi. Kraftklub singen lieber über Puffs und sich selber. Die Böhsen Onkelz haben das auch mal versucht. Sie endeten an Heckscheiben und im Gefängnis. So etwas dramatisches wird der Band aus Chemnitz nicht passieren. In ihrer Musik trifft New Wave auf scharfzüngigen Sprechgesang, Drinnies lassen sich die Straße zeigen von Draußis. Dennoch sind es eher zwei Welpen, die aufeinanderprallen, als zwei Welten. Das Major-Debüt ist niedlich wie ein Liebesbrief, den jemand mit Kaffee übergossen hat für einen Anflug von Welterfahrenheit. Der ironische Umgang mit Liebesdingen offenbart noch eine gewisse Unsicherheit mit diesen. Kraftklub müssen aufpassen, dass sie nicht die falschen Signale an ihr Lieblingsmädchen schicken.