Mittwoch, 7. Dezember 2011

Tee, ein gutes Buch und Videospiele

Kulturredakteure, geblendet von narzisstischen Futuristen

Wenn Feuilletonisten spielend am Computer hocken, dann schrillen die Alarmglocken. Denn selbstgekrönt-brillante Köpfe sind sich viel zu schade für die Niederungen „gewöhnlicher“ Spiele. Die sind für Kulturbeflissene meist Abfall, mit etwas Wohlwollen kulturelle Artefakte, die sie als erste entdecken können, um dann darüber zu schreiben. Der neue Online-Thriller TwinKomplex ist wie gemacht dafür. Der Berliner Entwickler Ludic Philosophy spricht von einem „Social Game“, das natürlich nichts geringeres vorhabe als die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. Es gehe darum, nicht ein Spiel anzubieten, sondern eine lebendige, anspruchsvolle Erzählung, die sich an den Spieler anpasse. Zwar gehen Hochkultur und Hochstapelei da Hand in Hand, aber die Neugier wird unbestreitbar geweckt.
TwinKomplex wird im Webbrowser aufgerufen, wir melden uns an. In einem Video begrüßt uns unser Vorgesetzter, Mitglied einer Geheimorganisation, für die wir nun arbeiten. Alle Figuren im Spiel sind Schauspieler, gefilmt in echten Kulissen. Bereits da beginnt der Schein des Neuartigen zu verblassen. Filmsequenzen mit Schauspielern in Computerspielen sind eine Mode der 90er Jahre, die mit dem Aufkommen der CD-ROM - also jederzeitigem Zugriff auf große Datenmengen - möglich wurde. Großes wurde versprochen: der interaktive Film, allein der Spieler sollte entscheiden über den Fortgang der Handlung. In Wahrheit bekam man Filmhäppchen in mieser Auflösung präsentiert, dazwischen Pausen mit banalen Denkaufgaben. Auf Tastendruck dann die nächste Bemühung von C-Schauspielern vor Greenscreens.

Der Spielhimmel über Berlin

Von all dem ist TwinKomplex nicht so weit entfernt, wie es gerne wäre. Einmal den absurden Eingangs-Psychotest bestanden, blicken wir auf eine Stadt von oben. Es ist Berlin, importiert aus Google Maps. Links befindet sich ein Chatfenster, denn bei der Anmeldung wurden uns per Zufall drei andere menschliche Mitspieler zugeteilt, die auch nicht mehr ausgetauscht werden können. Das ist die Sozialkomponente von TwinKomplex: ein simpler Chatroom, wie die Videosequenzen importiert aus einer vergangenen Zeit, in der man im Internet noch hauptsächlich Fremde traf, nicht Freunde. Wir kriegen „Aufgaben“ zugeteilt. Die sind von einer auffallenden Schlichtheit. „Gehen Sie auf der Karte zu dieser Adresse“, wir geben die Adresse ein, „und scannen Sie die Adresse!“. Den Scannen-Knopf angeklickt und der Bildschirm blinkt grün, technisch hahnebüchen, wie in einem Agentenfilm aus den frühen 60er Jahren.
TwinKomplex ist also eine Zusammenführung aus Chat und simplem Spielkern mit Google Maps als Spielbrett, auf dem gelbe Punkte und Fragezeichen für auslösbare Ereignisse stehen. So gefundene Hinweisstücke, ob Tagebuchseiten oder Skype-Mitschnitte lassen sich an ein Labor geben. Die Untersuchungen nehmen echte Zeit in Anspruch, von einer Minute bis zu einer halben Stunde. Sich da mit seinen Schicksalskollegen auszutauschen, sofern sie denn mal online sind, hat durchaus seinen Reiz. Aber simulierte Arbeit und simulierte Kollegenschaft revolutionieren kaum die Spielwelt, wie es dem Philosophen Dr. Martin Burckhardt, Erfinder von TwinKomplex, vorschwebt. Das Spiel zählt vordergründig zur Gattung der seit 2001 etablierten „Alternate reality games“ (ARG), bei denen bewusst auf die klare Trennung zwischen Spiel und echter Welt verzichtet wird. Spieler erlangen Hinweise im Internet, durchforsten bei dieser Schnitzeljagd 2.0 dann Websites, aber auch reale Orte. Auch der bereits erwähnten Welle des längst untergegangenen interaktiven Films aus den 90ern lässt sich TwinKomplex zuordnen.

Ein philosophisches Spiel mit Katzenvideos


Im Detail gibt es aber doch Unterschiede zu vorherigen ARGs. Neu ist der betont philosophische Ansatz, auch das Verweisen auf mitunter beliebig wirkende YouTube-Videos von Tieren, Musikern und Undefinierbarem wirkt wie der Versuch, Spieler nebenbei ganzheitlich zu bilden.
Sicherlich besteht die Kunst der Gegenwart häufig aus alten Versatzstücken, ansprechend zu Neuem angeordnet. TwinKomplex ist eine Collage aus Althergebrachtem und modernen Denkansätzen, Hier den Durchblick zu bewahren, und überhaupt erst zu erlangen, ist die Aufgabe. Darum macht der Kulturredakteur, was er in solchen Fällen immer tut. Er spitzt zu, er verdichtet. Das bedeutet: Er lügt damit Einzigartigkeiten herbei. Und schöpft dazu gedankenlos unkritisch auch aus den reichhaltigen Pressematerialien. Die bisherige Berichterstattung ist jedenfalls in einem Maße positiv und romantisierend, dass sie an pure PR grenzt. Wenn ein Entwickler Alleinstellungsmerkmale für sich beansprucht, sich als Neuerer aufführt und damit vorweggegangene Leistungen herabwürdigt, dann ist der Vorwurf des Narzissmus gerechtfertigt.