Mittwoch, 2. November 2011

Der Dichter, der nicht schwitzen wollte

In den geistigen Höhen von PeterLichts neuem Album wird die Luft zum Denken knapp

Willkommen im Reservat der Tiefgründigkeits-Fetischisten, wo Musik noch „Inhalt hat“, aber auch „zum Träumen einladen“ darf. Wo sich die Germanisten und Deutsch-Leistungskursmädchen treffen, um Wasser mit Wörtern drin zu trinken - Kommasaufen pur. Da fühlt sich Major Tomte völlig losgelöst: In den Armen von PeterLicht. Dieser Knabe macht seit geraumer Zeit Textmusik. Das ist die Sorte von Liedern, bei denen ein Dichter seine in einem Büchlein gesammelten Texte über ein von einer Fremdperson bereitgestelltes Instrumental spricht. Nach etwas Wartezeit, bei der der mit der schmutzigen Technik beauftragte Mann dem Texter unverständliche Dinge tut, klingt das gesprochene auch mal nach Gesang. Anders ausgedrückt: PeterLicht ist auch auf seinem neuen Album die Musik wieder vollkommen egal.
Alles was er will ist sich abzureagieren. Es gibt ja so viele aufregende Themen da draußen, alle gemäß der aktuellen Lage, immer eine Diskussion wert: Die Identität des Menschen im genitalen Zeitalter! Die Digitalisierung der Geschlechterrollen – oder war es doch die Sexualisierung des Kapitals? Sowieso: die sich rapide verändernde Gesellschaft, die PeterLicht wie ein Kettenkarussel vorkommen muss. Es geht ja so schnell und obwohl alle dick sind, wollen sie sich auf den kleinen Kindersitzen niederlassen und die schwächsten können sich nicht halten und fliegen im hohen Bogen ins Abseits. Das ist kriminell, darüber muss man Lieder schreiben! Natürlich keine, die auf wolliges Mitgefühl setzen.
Hier bietet kein imaginärer Freund seine tröstende Schulter – man muss ja realistisch bleiben. Unter dem Pflaster ist nunmal kein Strand, sondern der Schweiß der Arbeiter. Stattdessen offeriert sich der dichtende Peter als plappernder Wort-Zampano, der einem keinen Moment zum Denken lässt und damit das Elend noch vergrößert. Jede Lücke in jedem Song wird verschmiert mit Text. Immerhin bleibt dadurch bis zum nächsten Album viel zum Entdecken. Aber wer Essen geht, tut das auch nicht voller Vorfreude auf die Reste, die er sich in einer Woche zwischen den Zähnen hervorpulen und als Nachtisch verspeisen wird.
Ein Album ist kein Buch, ein geschriebener Text nicht automatisch ein Song. Sondern manchmal nur eine Kaskade von Wortgruppen, begleitet von E-Drums und Keyboard. Das ist das Ende meiner Beschwerde.