Sonntag, 9. Oktober 2011

Jane Austens Armageddon

Pferde, Schwestern und Planeten - über Lars von Triers "Melancholia"

Lars von Trier ist heiter gestimmt. Gleich zu Beginn seines neuen Films wird die Erde verschluckt von einem Planeten auf Abwegen, absichtlich vulgär untermalt mit einer Wagner-Overtüre. Weg ist die Kugel! Doch "Melancholia" ist kein Science-Fiction-Film. Vielmehr ein Landhaus-Drama, wie es Jane Austen gefallen hätte. Mit klugen, aber bitteren Frauen, Männern, die sie begehren. Und Ausritten auf Pferden. Interesse an kosmischen Ausfällen wird also nicht vorausgesetzt. Der Zuschauer soll sich stattdessen einlassen auf eine ausgedehnte nächtliche Hochzeitsfeier.
Justine (Kirsten Dunst) will heiraten, die ganze Familie kommt zusammen auf einem abgelegenen Landsitz. Der Film setzt voll auf die zwischenmenschlichen Konflikte der Figuren, feiert das Zerbröseln des Miteinander. Die Idee für "Melancholia" sei ihm gekommen, als er seine Depression therapieren ließ, sagt der Regisseur. Demzufolge bleibt kein Stein des Optimismus aufeinander, das ganze Gebäude des guten Willens muss abgerissen werden. Die Hochzeit wird natürlich ein Desaster. Für den Zuschauer ist das allerdings eher mäßig interessant, dafür sind die Konstellationen der vielen anwesenden Figuren zu gewöhnlich. Ja, Justine macht mit der Wahl des Bräutigams einen Fehler, ja, die stänkerende Mutter hat es gleich gewusst. Der ebenfalls anwesende Werbeagentur-Vorgesetzte der Braut soll ein schwitzendes Schwein sein. Die meisten Intentionen liegen unangenehm offen.

Manchmal fühlt man sich auch wie in Robert Altmans "Gosford Park", einem ähnlich gelagerten Zwischenmenschlichkeits-Zirkus. Nur passiert hier kein Mord im eigentlichen Sinn. Der Täter in diesem Film hier heißt "Melancholia" und ist ein erdähnlicher Planet. Er lugt nicht aus Büschen, sondern schaut vom Himmel herab. Er jagt allen Angst ein. Auch der erst im zweiten Kapitel ruhiger werdenden Kirsten Dunst. Wie sie umherwandelt in Luxusgärten und umgeben ist von besorgten Menschen, erinnert an ihren Film "Marie Antoinette", der gleichermaßen Endzeitstimmung vermittelt wie Melancholia. In den letzten Tagen des Absolutismus rollen Köpfe, hier sind es Planeten, dort wie hier wird unglücklich geliebt.
 Die beiden Filme zu vergleichen ist sinnvoll, denn sie sind für ein ähnliches Publikum interessant. Eines, das sich an langsamen Entwicklungen erfreut, Spannung nicht für eine Primärtugend hält. Entgegen der Erwartungen an den Film eines Independent-Regisseurs ist die filmische und grafische Umsetzung aber keinesfalls abstrakt. Man muss sich den Planeten am Himmel nicht dazudenken, seine Erscheinungsmomente finden nicht kostenkünstig im Off statt. Sie sind voll realisiert, ganz greifbar. Lars von Triers Depressionsbewältigung ist dadurch aber auch etwas zerdehnt; vielen Ereignissen wird mehr Platz eingeräumt als üblich. Jedoch kommen im letzten Drittel soviele Dinge ins Rollen, dass der tolle Schluss wie eine gerechte Lektion wirkt für Menschen die glauben, den Wert einer jeden Situation sofort in Gold abwägen zu können. Manches Erlebte gewinnt eben erst im Nachhinein an Bedeutung.