Mittwoch, 25. Mai 2011

Prügelknabe und Pop(pers)-Prinzessin

Lady Gaga ist für alle da

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes hat im Mai 2011 Stefani Germanotta, weithin bekannt als Lady Gaga, zur einflussreichsten Berühmtheit der Welt erklärt, auf Basis einer Formel, die Einkommen und Medienaufmerksamkeit verrechnet.
Ein Gehörloser fragt ganz aufgeregt: "Wird sie uns jetzt mit ihrer Macht unsere fehlenden Sinne zurückgeben?" Denn Gaga ist bekannt dafür, ein großes Herz für Randgruppen zu haben. Immer, wenn sie eine neue entdeckt, weint sie ihr Klavier voll und schreibt ein Mutmach-Lied. Ein bisschen wie Rolf Zuckowski. Lady Gaga ist vielleicht doch nicht der größte Popstar, aber mit Sicherheit der sentimentalste.
Musikalisch macht sie Fortschritte, die Lieder des neuen Albums Born this way erinnern an Daft Punks Aerodynamic und klingen wie die Fahrt auf einem Highway. Aufgekratzte Untote in Cabrios rasen um die Wette und haben dabei pinke batteriebetriebene Lutscher im Mund. Der Himmel hängt voller unechter Gitarren. Kirchenglocken donnern. Gagas Stimme, ein beinah männliches Contralto, ist eigentlich eine Art Versprechen: Schluss mit quietschenden Girlies! Dass sie trotzdem immer wieder ins aguilera-hafte abrutscht, zeigt die große Schwäche des Systems Gaga. In ihrer Offenheit kann sie sich auf nichts festlegen. Sie will für alle gleichzeitig da sein, Schulmädchen, Hausfrauen, ihre schwule Fangemeinde.
Gaga: auch in katholischen Kindergärten populär

Gelungen ist der Versuch, physisch beeindruckendes herzustellen – die einen übergeben sich beim Kontakt mit der Wucht des Leder-Dance, die andren lassen sich begeistern, sogar von Gagas irritierendem Hang zum profansten Pop-Stilmittel, dem Synchrontanz. Der scheint in erster Linie dazu da zu sein, dem Betrachter zu verdeutlichen, dass derjenige, dem bedingungslos nachgetanzt wird, sehr viel Macht hat. Dies ist zwar jetzt offiziell laut Forbes, steht aber trotzdem in direktem Widerspruch zur Selbstbefreiungs-Message – in Lady Gagas Videos gibt es immer noch Unterdrücker und Unterdrückte.
Oft tritt sie als eine Art Robocop auf, der von einem Libidoprozessor befeuert wird, in Gigahertz-Geschwindigkeit zwischen notgeil und asexuell hin- und herschaltend. Zwar dokumentieren Fans mittels Gagapedia jede Verkleidung, jedes Accessoire, für den durchschnittlichen Betrachter aber ergibt die schiere Masse der Verkleidungen eine große Unordnung. Gaga macht den Fehler, davon auszugehen, sie würde seriell, also in einer festen Reihenfolge wahrgenommen. Doch trotz ihrer futuristischen Visionen: Nicht jeder Mensch hängt am Tropf des Tagesgeschehens – ihre Kommunikation ist nach wie vor unausgereift. Sie ist weniger eine Meisterin der Provokation als eine Sklavin der Missverständnisse.