Mittwoch, 7. Dezember 2011

Tee, ein gutes Buch und Videospiele

Kulturredakteure, geblendet von narzisstischen Futuristen

Wenn Feuilletonisten spielend am Computer hocken, dann schrillen die Alarmglocken. Denn selbstgekrönt-brillante Köpfe sind sich viel zu schade für die Niederungen „gewöhnlicher“ Spiele. Die sind für Kulturbeflissene meist Abfall, mit etwas Wohlwollen kulturelle Artefakte, die sie als erste entdecken können, um dann darüber zu schreiben. Der neue Online-Thriller TwinKomplex ist wie gemacht dafür. Der Berliner Entwickler Ludic Philosophy spricht von einem „Social Game“, das natürlich nichts geringeres vorhabe als die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. Es gehe darum, nicht ein Spiel anzubieten, sondern eine lebendige, anspruchsvolle Erzählung, die sich an den Spieler anpasse. Zwar gehen Hochkultur und Hochstapelei da Hand in Hand, aber die Neugier wird unbestreitbar geweckt.
TwinKomplex wird im Webbrowser aufgerufen, wir melden uns an. In einem Video begrüßt uns unser Vorgesetzter, Mitglied einer Geheimorganisation, für die wir nun arbeiten. Alle Figuren im Spiel sind Schauspieler, gefilmt in echten Kulissen. Bereits da beginnt der Schein des Neuartigen zu verblassen. Filmsequenzen mit Schauspielern in Computerspielen sind eine Mode der 90er Jahre, die mit dem Aufkommen der CD-ROM - also jederzeitigem Zugriff auf große Datenmengen - möglich wurde. Großes wurde versprochen: der interaktive Film, allein der Spieler sollte entscheiden über den Fortgang der Handlung. In Wahrheit bekam man Filmhäppchen in mieser Auflösung präsentiert, dazwischen Pausen mit banalen Denkaufgaben. Auf Tastendruck dann die nächste Bemühung von C-Schauspielern vor Greenscreens.

Der Spielhimmel über Berlin

Von all dem ist TwinKomplex nicht so weit entfernt, wie es gerne wäre. Einmal den absurden Eingangs-Psychotest bestanden, blicken wir auf eine Stadt von oben. Es ist Berlin, importiert aus Google Maps. Links befindet sich ein Chatfenster, denn bei der Anmeldung wurden uns per Zufall drei andere menschliche Mitspieler zugeteilt, die auch nicht mehr ausgetauscht werden können. Das ist die Sozialkomponente von TwinKomplex: ein simpler Chatroom, wie die Videosequenzen importiert aus einer vergangenen Zeit, in der man im Internet noch hauptsächlich Fremde traf, nicht Freunde. Wir kriegen „Aufgaben“ zugeteilt. Die sind von einer auffallenden Schlichtheit. „Gehen Sie auf der Karte zu dieser Adresse“, wir geben die Adresse ein, „und scannen Sie die Adresse!“. Den Scannen-Knopf angeklickt und der Bildschirm blinkt grün, technisch hahnebüchen, wie in einem Agentenfilm aus den frühen 60er Jahren.
TwinKomplex ist also eine Zusammenführung aus Chat und simplem Spielkern mit Google Maps als Spielbrett, auf dem gelbe Punkte und Fragezeichen für auslösbare Ereignisse stehen. So gefundene Hinweisstücke, ob Tagebuchseiten oder Skype-Mitschnitte lassen sich an ein Labor geben. Die Untersuchungen nehmen echte Zeit in Anspruch, von einer Minute bis zu einer halben Stunde. Sich da mit seinen Schicksalskollegen auszutauschen, sofern sie denn mal online sind, hat durchaus seinen Reiz. Aber simulierte Arbeit und simulierte Kollegenschaft revolutionieren kaum die Spielwelt, wie es dem Philosophen Dr. Martin Burckhardt, Erfinder von TwinKomplex, vorschwebt. Das Spiel zählt vordergründig zur Gattung der seit 2001 etablierten „Alternate reality games“ (ARG), bei denen bewusst auf die klare Trennung zwischen Spiel und echter Welt verzichtet wird. Spieler erlangen Hinweise im Internet, durchforsten bei dieser Schnitzeljagd 2.0 dann Websites, aber auch reale Orte. Auch der bereits erwähnten Welle des längst untergegangenen interaktiven Films aus den 90ern lässt sich TwinKomplex zuordnen.

Ein philosophisches Spiel mit Katzenvideos


Im Detail gibt es aber doch Unterschiede zu vorherigen ARGs. Neu ist der betont philosophische Ansatz, auch das Verweisen auf mitunter beliebig wirkende YouTube-Videos von Tieren, Musikern und Undefinierbarem wirkt wie der Versuch, Spieler nebenbei ganzheitlich zu bilden.
Sicherlich besteht die Kunst der Gegenwart häufig aus alten Versatzstücken, ansprechend zu Neuem angeordnet. TwinKomplex ist eine Collage aus Althergebrachtem und modernen Denkansätzen, Hier den Durchblick zu bewahren, und überhaupt erst zu erlangen, ist die Aufgabe. Darum macht der Kulturredakteur, was er in solchen Fällen immer tut. Er spitzt zu, er verdichtet. Das bedeutet: Er lügt damit Einzigartigkeiten herbei. Und schöpft dazu gedankenlos unkritisch auch aus den reichhaltigen Pressematerialien. Die bisherige Berichterstattung ist jedenfalls in einem Maße positiv und romantisierend, dass sie an pure PR grenzt. Wenn ein Entwickler Alleinstellungsmerkmale für sich beansprucht, sich als Neuerer aufführt und damit vorweggegangene Leistungen herabwürdigt, dann ist der Vorwurf des Narzissmus gerechtfertigt.

Mittwoch, 23. November 2011

Im Winter hält er mich warm, im Sommer zeigt er mir die kalte Schulter.

Montag, 21. November 2011

Wochenenden tun Knochen pfänden. Den Freitag bezahlst du mit den Armen, das Aufrufen und Aktivieren der nötigen Kontakte kostet schließlich Kraft. Am Samstag verprasst du dein Rückgrat, nicht zwangsläufig, aber ein, zwei Wirbel sind nötig, für Drinks und Gelenkigkeit. Sonntag wird bezahlt mit der Schädeldecke. Zu Beginn der Woche sitzt du da und der Schreck kann dir nichts tun , weil er nichts findet, in das er fahren kann.
Die Motivation geht baden. Skinnydipping im flachen Wasser, bämm, Kopf aufgeschlagen. Da liegt sie nun. Oft gemeldet hat sie sich eh nie. Ruft jemand den Notarzt? Der geht nicht mehr ans Telefon, seit mein Handy ihn zu oft aus der Hosentasche angerufen hat.

Get Wheel Soon


Get your hands off my knee, Konstantin Groper.
Hände aufs Lenkrad!
Get Wheel Soon.

Donnerstag, 10. November 2011

Who Put The Fri in Endship

ENDSHIP

Die Wissssenschaft vom Ende der Beziehungen

Der Frisör hat eine wunderschöne Frisur zur Welt gebracht. Es ist ein Junge! Ich bin wieder ein Junge.
Mitten in der Vorbereitung für den Abschlussball so eine schöne Nachricht. Denn ich habe Angst vor Bällen.
Sie fliegen auf mich zu und am nächsten Morgen habe ich Kopfschmerzen. Sie fliegen auf mich zu und wollen vorbereitet werden, lauter kleine Dinge sind zu tun, laute Vorbereitungen sind unnötig. Man sollte mir ein Büro geben, von dem aus ich Telefonieren kann, mit der Küche und den Dekorateuren. Am Hauptveranstaltungsort wäre es dann still, es entstünde nicht dieses billige Brummen des Stresses, eine unnötig geladene Stimmung, wie sie aufkommt, wenn Familien frühs mit dem Taxi zum Flughafen fahren wollen.
Ich richte den Abschlussball aus, weil ich die Ausrichtung von Großereignissen bis ins letzte Semester vermieden habe. Ich bin den Orgateams entgangen, den Kreativgruppen, den Sitzungen. Ich habe aber auch verpasst, wie es ist, über verrichtete Arbeit Menschen zu finden.Nun versuche ich mich an der Ausrichtung der Abschlussfeier des Studienganges und alles trägt meine abweichlicherische Handschrift, infantiles Grafitti.
Man muss es belächeln und es ist schwer zu entziffern.

tbc

Mittwoch, 2. November 2011

Der Dichter, der nicht schwitzen wollte

In den geistigen Höhen von PeterLichts neuem Album wird die Luft zum Denken knapp

Willkommen im Reservat der Tiefgründigkeits-Fetischisten, wo Musik noch „Inhalt hat“, aber auch „zum Träumen einladen“ darf. Wo sich die Germanisten und Deutsch-Leistungskursmädchen treffen, um Wasser mit Wörtern drin zu trinken - Kommasaufen pur. Da fühlt sich Major Tomte völlig losgelöst: In den Armen von PeterLicht. Dieser Knabe macht seit geraumer Zeit Textmusik. Das ist die Sorte von Liedern, bei denen ein Dichter seine in einem Büchlein gesammelten Texte über ein von einer Fremdperson bereitgestelltes Instrumental spricht. Nach etwas Wartezeit, bei der der mit der schmutzigen Technik beauftragte Mann dem Texter unverständliche Dinge tut, klingt das gesprochene auch mal nach Gesang. Anders ausgedrückt: PeterLicht ist auch auf seinem neuen Album die Musik wieder vollkommen egal.
Alles was er will ist sich abzureagieren. Es gibt ja so viele aufregende Themen da draußen, alle gemäß der aktuellen Lage, immer eine Diskussion wert: Die Identität des Menschen im genitalen Zeitalter! Die Digitalisierung der Geschlechterrollen – oder war es doch die Sexualisierung des Kapitals? Sowieso: die sich rapide verändernde Gesellschaft, die PeterLicht wie ein Kettenkarussel vorkommen muss. Es geht ja so schnell und obwohl alle dick sind, wollen sie sich auf den kleinen Kindersitzen niederlassen und die schwächsten können sich nicht halten und fliegen im hohen Bogen ins Abseits. Das ist kriminell, darüber muss man Lieder schreiben! Natürlich keine, die auf wolliges Mitgefühl setzen.
Hier bietet kein imaginärer Freund seine tröstende Schulter – man muss ja realistisch bleiben. Unter dem Pflaster ist nunmal kein Strand, sondern der Schweiß der Arbeiter. Stattdessen offeriert sich der dichtende Peter als plappernder Wort-Zampano, der einem keinen Moment zum Denken lässt und damit das Elend noch vergrößert. Jede Lücke in jedem Song wird verschmiert mit Text. Immerhin bleibt dadurch bis zum nächsten Album viel zum Entdecken. Aber wer Essen geht, tut das auch nicht voller Vorfreude auf die Reste, die er sich in einer Woche zwischen den Zähnen hervorpulen und als Nachtisch verspeisen wird.
Ein Album ist kein Buch, ein geschriebener Text nicht automatisch ein Song. Sondern manchmal nur eine Kaskade von Wortgruppen, begleitet von E-Drums und Keyboard. Das ist das Ende meiner Beschwerde.


Mittwoch, 12. Oktober 2011

Am Putztag nimmt man sich Zeit und putzt seine Tags.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Jane Austens Armageddon

Pferde, Schwestern und Planeten - über Lars von Triers "Melancholia"

Lars von Trier ist heiter gestimmt. Gleich zu Beginn seines neuen Films wird die Erde verschluckt von einem Planeten auf Abwegen, absichtlich vulgär untermalt mit einer Wagner-Overtüre. Weg ist die Kugel! Doch "Melancholia" ist kein Science-Fiction-Film. Vielmehr ein Landhaus-Drama, wie es Jane Austen gefallen hätte. Mit klugen, aber bitteren Frauen, Männern, die sie begehren. Und Ausritten auf Pferden. Interesse an kosmischen Ausfällen wird also nicht vorausgesetzt. Der Zuschauer soll sich stattdessen einlassen auf eine ausgedehnte nächtliche Hochzeitsfeier.
Justine (Kirsten Dunst) will heiraten, die ganze Familie kommt zusammen auf einem abgelegenen Landsitz. Der Film setzt voll auf die zwischenmenschlichen Konflikte der Figuren, feiert das Zerbröseln des Miteinander. Die Idee für "Melancholia" sei ihm gekommen, als er seine Depression therapieren ließ, sagt der Regisseur. Demzufolge bleibt kein Stein des Optimismus aufeinander, das ganze Gebäude des guten Willens muss abgerissen werden. Die Hochzeit wird natürlich ein Desaster. Für den Zuschauer ist das allerdings eher mäßig interessant, dafür sind die Konstellationen der vielen anwesenden Figuren zu gewöhnlich. Ja, Justine macht mit der Wahl des Bräutigams einen Fehler, ja, die stänkerende Mutter hat es gleich gewusst. Der ebenfalls anwesende Werbeagentur-Vorgesetzte der Braut soll ein schwitzendes Schwein sein. Die meisten Intentionen liegen unangenehm offen.

Manchmal fühlt man sich auch wie in Robert Altmans "Gosford Park", einem ähnlich gelagerten Zwischenmenschlichkeits-Zirkus. Nur passiert hier kein Mord im eigentlichen Sinn. Der Täter in diesem Film hier heißt "Melancholia" und ist ein erdähnlicher Planet. Er lugt nicht aus Büschen, sondern schaut vom Himmel herab. Er jagt allen Angst ein. Auch der erst im zweiten Kapitel ruhiger werdenden Kirsten Dunst. Wie sie umherwandelt in Luxusgärten und umgeben ist von besorgten Menschen, erinnert an ihren Film "Marie Antoinette", der gleichermaßen Endzeitstimmung vermittelt wie Melancholia. In den letzten Tagen des Absolutismus rollen Köpfe, hier sind es Planeten, dort wie hier wird unglücklich geliebt.
 Die beiden Filme zu vergleichen ist sinnvoll, denn sie sind für ein ähnliches Publikum interessant. Eines, das sich an langsamen Entwicklungen erfreut, Spannung nicht für eine Primärtugend hält. Entgegen der Erwartungen an den Film eines Independent-Regisseurs ist die filmische und grafische Umsetzung aber keinesfalls abstrakt. Man muss sich den Planeten am Himmel nicht dazudenken, seine Erscheinungsmomente finden nicht kostenkünstig im Off statt. Sie sind voll realisiert, ganz greifbar. Lars von Triers Depressionsbewältigung ist dadurch aber auch etwas zerdehnt; vielen Ereignissen wird mehr Platz eingeräumt als üblich. Jedoch kommen im letzten Drittel soviele Dinge ins Rollen, dass der tolle Schluss wie eine gerechte Lektion wirkt für Menschen die glauben, den Wert einer jeden Situation sofort in Gold abwägen zu können. Manches Erlebte gewinnt eben erst im Nachhinein an Bedeutung.

Sonntag, 25. September 2011

Im Hinterhof finde ich eine Patronenhülse. Ist so das Loch in den Zaun gekommen? Hinter ihm hat das benachbarte Hotel einen Restaurant-Garten. Auf meiner Seite gibt es kein Grün. Ich schaue durch das Loch. Der Kellner erzählt wieder die Geschichte vom Koch, der bei Schuhbeck gelernt hat. Mir wird fad und ich sammle die am offensichtlichsten herumliegenden Zigarettenkippen ein, bringe sie in den Müllraum.
Dann mehrere Stockwerke nach oben. Die von benebelten Nachbarn in die Wandverkleidung geschlagenen Löcher hat der Hausmeister aufgefüllt. Nur die Tapete konnte er nicht wiederbeschaffen. Die Wand ist nun weiß markiert, damit das nächste Mal klar ist, wo man wieder gegentreten oder boxen kann.
In den Hotelzimmern gegenüber brennt kein Licht. Ist jetzt Flaute?

Freitag, 29. Juli 2011

"Und was macht der Junge jetzt stattdessen?"
"Sein FÜX. Freiwilliges überbrückendes Nix."

Dienstag, 26. Juli 2011

Erotik / Märchen

Aus reiner Neugier den jetzigen "Spezialist für Erotic Business Solutions" E.A.T. Medien wegen eines miesen VHS-Zeichentrickfilms angeschrieben, der dort mal verlegt wurde. "Abenteuer im Land der Zwerge". Kein Regisseur, keine Jahreszahl. Dafür eine Verpackung, auf der weder Vorder- noch Rückseite etwas mit dem Inhalt zu tun hatten.

Gullivercat und der Rembrandt-Copyshop im Wald

Sehr geehrter Herr Horwath, 
leider können wir Ihnen zu diesem Titel keine Auskunft mehr geben. Die VHS-Kassetten wurden damals in Lizenz verkauft. Leider liegen uns aber keine Unterlagen mehr über diesen Film vor.
 

Mit freundlichen Grüßen / Yours sincerely

Klaus Riese

Mittwoch, 8. Juni 2011

"What instrument do you play?"
"I am the drama of the band"

Mittagsschlaf

Genug Schlaf zu kriegen heißt, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen. Es heißt, vom Kaufhausdetektiv des Diebstahls bezichtigt zu werden, aber nichts in der Tasche zu haben. Schlafen bedeutet, das Recht zu haben zu leben. Ein Mangel an Nachtruhe ist wie eine Todesstrafe. Irgendwann im Laufe des Tages wirst du erschossen werden, du weiß nicht wann, aber es wird passieren. Die einzige Möglichkeit der Absolution ist der Gang ins Gefängnis: Mittagsschlaf.

Montag, 30. Mai 2011

Die Muster des Zusammenspiels

Ryuichi Sakamoto und Alva Noto spielten gemeinsam in der Oper Leipzig

Chemnitz hat einen Ruf weg. Als hässliche kleine Schwester von Leipzig und Dresden, wenig aufregend und der Titel „Stadt der Moderne“ wird allerhöchstens spöttisch verwendet. Dass dies ungerecht und ein Zeichen von Ignoranz ist, zeigt der Sitz des Labels raster-noton in genau dieser Stadt. Gegründet als „Archiv für Ton und Nichtton“, exportiert es seit über zehn Jahren erfolgreich abstrakte elektronische Musik in die ganze Welt. Begründer Carsten Nicolai, gebürtiger Karl-Marx-Städter, ist auch die zentrale Figur des musikalischen Geschehens. Das Verdienst seiner Musik, die er als Alva Noto veröffentlicht, besteht in der Abkehr vom Ornamentalen. Gesammelte Störgeräusche wie Klicken und Zischen werden nicht als Dekoration einer ansonsten allen Regeln gehorchenden Musik verwendet, sie allein sind die Musik. Diese führte Nicolai bis nach Japan. Auf seiner ersten Tour traf er Ryuichi Sakamoto, einen erfolgreichen Komponisten, Einflüssling, Pionier – eine Legende. Carsten und Ryuichi beschlossen zu kooperieren.
Jetzt trafen sich in der Oper Leipzig wieder Osten und Westen, oder, je nach Betrachtungsweise, Osten und Osten: Ryuichi Sakamoto und Alva Noto luden zum Konzert. Der Japaner am Flügel, der Deutsche hinterm Computer. Und sie packten richtig zu. Kein aufreibendes Zelebrieren von Stille zwischen Klavierakkorden und auch kein reines Fest der Störgeräusche war dies sowohl akustisch als auch visuell tatsächlich ein Konzert mit einer greifbaren Interaktion zwischen zwei sehr unterschiedlichen Künstlern. Ein meterbreiter Bildschirm in der Bühnenmitte machte jeden gespielten Beitrag sichtbar:
Erzeugte der Elektromusiker mit dem Anschlagen eines Tons eine Farbfläche, schnitt der Pianist Löcher hinein. Entstanden einmal unvollständige weiße Rauten, wurden jene, ausgelöst durch das Spiel des anderen, ergänzt. Um gleich wieder zu verschwinden. Jedes Stück präsentierte eine andere bildliche Grundidee, geometrische Muster und Farbverläufe wechselten sich ab. Äußerst reizvoll war die perfekte Synchronität der Ereignisse, das sekundengenaue Korrespondieren von Klicklauten mit Lichtblitzen. Dabei entstand aber nicht der Eindruck, jemand habe Instrumente an ein EKG angeschlossen. Eher wurden Bilder gemalt. Die Musik selber zeigte sich zugänglich, Alva Noto legte rhythmische Fundamente, Sakamoto breitete sich mit dem Flügel darauf aus. Wie oft bei E-Musik waren die tiefen Töne die beliebtesten, erzeugten Körperlichkeit und überwanden den Kopf, den rationalen Bewerter. Der Abend war eine Einladung zu synästhetischen Erfahrungen für Außenstehende, aber kein Abend offener Münder, kein Überwältigungsversuch, was hoch anzurechnen ist. Zum Freuen auch die Wohlerzogenheit des Publikums: Untypisch für diese Art von „visuellem Spektakel“ war es bereit, die Vergänglichkeit der Aufführung zu akzeptieren; niemand machte den Versuch, mit dem Handy zu filmen. Hinterher hatte man Angst. Wie nach einem Traum machte sich die Befürchtung breit, man könnte alles sofort vergessen.

Sonntag, 29. Mai 2011

YOUTH AGAINST STREET ART

Mittwoch, 25. Mai 2011

Prügelknabe und Pop(pers)-Prinzessin

Lady Gaga ist für alle da

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes hat im Mai 2011 Stefani Germanotta, weithin bekannt als Lady Gaga, zur einflussreichsten Berühmtheit der Welt erklärt, auf Basis einer Formel, die Einkommen und Medienaufmerksamkeit verrechnet.
Ein Gehörloser fragt ganz aufgeregt: "Wird sie uns jetzt mit ihrer Macht unsere fehlenden Sinne zurückgeben?" Denn Gaga ist bekannt dafür, ein großes Herz für Randgruppen zu haben. Immer, wenn sie eine neue entdeckt, weint sie ihr Klavier voll und schreibt ein Mutmach-Lied. Ein bisschen wie Rolf Zuckowski. Lady Gaga ist vielleicht doch nicht der größte Popstar, aber mit Sicherheit der sentimentalste.
Musikalisch macht sie Fortschritte, die Lieder des neuen Albums Born this way erinnern an Daft Punks Aerodynamic und klingen wie die Fahrt auf einem Highway. Aufgekratzte Untote in Cabrios rasen um die Wette und haben dabei pinke batteriebetriebene Lutscher im Mund. Der Himmel hängt voller unechter Gitarren. Kirchenglocken donnern. Gagas Stimme, ein beinah männliches Contralto, ist eigentlich eine Art Versprechen: Schluss mit quietschenden Girlies! Dass sie trotzdem immer wieder ins aguilera-hafte abrutscht, zeigt die große Schwäche des Systems Gaga. In ihrer Offenheit kann sie sich auf nichts festlegen. Sie will für alle gleichzeitig da sein, Schulmädchen, Hausfrauen, ihre schwule Fangemeinde.
Gaga: auch in katholischen Kindergärten populär

Gelungen ist der Versuch, physisch beeindruckendes herzustellen – die einen übergeben sich beim Kontakt mit der Wucht des Leder-Dance, die andren lassen sich begeistern, sogar von Gagas irritierendem Hang zum profansten Pop-Stilmittel, dem Synchrontanz. Der scheint in erster Linie dazu da zu sein, dem Betrachter zu verdeutlichen, dass derjenige, dem bedingungslos nachgetanzt wird, sehr viel Macht hat. Dies ist zwar jetzt offiziell laut Forbes, steht aber trotzdem in direktem Widerspruch zur Selbstbefreiungs-Message – in Lady Gagas Videos gibt es immer noch Unterdrücker und Unterdrückte.
Oft tritt sie als eine Art Robocop auf, der von einem Libidoprozessor befeuert wird, in Gigahertz-Geschwindigkeit zwischen notgeil und asexuell hin- und herschaltend. Zwar dokumentieren Fans mittels Gagapedia jede Verkleidung, jedes Accessoire, für den durchschnittlichen Betrachter aber ergibt die schiere Masse der Verkleidungen eine große Unordnung. Gaga macht den Fehler, davon auszugehen, sie würde seriell, also in einer festen Reihenfolge wahrgenommen. Doch trotz ihrer futuristischen Visionen: Nicht jeder Mensch hängt am Tropf des Tagesgeschehens – ihre Kommunikation ist nach wie vor unausgereift. Sie ist weniger eine Meisterin der Provokation als eine Sklavin der Missverständnisse.

Freitag, 13. Mai 2011

"Was ist das für Musik?"
"Shoegaze"
"Schuhgeiz? Haha, das passt zu dir! Kauf dir mal neue"

Mittwoch, 4. Mai 2011

John Foxx And The Maths

Musikcomputer am Abgrund der Langeweile

Der alte Foxx ist wieder da! Wo andere Menschen im Alter hochfrequente Piepsgeräte aufstellen, um die Jugend von ihren Rasen fernzuhalten, sendet Großvater John 2011 neue Signale in die Vororte, um Freunde zu finden. Zwei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren, errichtete er 1978 mit Hilfe eines Deutschen die Grundfesten des Synthiepop.
Systems of Romance hieß das Album, auf dem Foxx' Band Ultravox als eine der allerersten Gruppen Drummachines verwendete und unwissentlich Schulbusse voller späterer Musiker in Richtung Erfolg entführte. Wobei es für die Einflussnahme auf andere eher Belege gibt, enthusiastische Nennungen in Interviews etwa, als dafür, wer nun wirklich der Erfinder der elektronischen Musik sein könnte, wer den entscheidenden Beitrag geleistet hat.
Foxx begann bald eine Solokarriere, veröffentlichte Metamatic, ein robotisches Werk voll computerisierter Gesänge. Danach aber war er die nächsten dreißig Jahre nur sichtbar für ein sehr interessiertes Publikum, während Ultravox mit neuem Sänger große kommerzielle Erfolge wie Dancing with tears in my eyes erlebten.
Dem Ultraschallruf des Piepsgerätes folgen Mädchen, die Foxx‘ Geschichte kennen, aber nochmal hören wollen, und spätgeborene Jungs, die wild auf die Tricks des Alten sind. Die Erwartungen an einen Miterfinder des minimalen Elektropop sind schließlich groß. Wann gehen wir in DEN Keller? Dort soll eine ganze Sammlung alter Synthesizer stehen! Aber der Schreck ist groß – wie riesige Mondbären in einem asiatischen Gallenblasen-Anzapflabor stehen diese kabelstarrenden Wände da, fassungslos von Langeweile und Unterforderung.
Obwohl geschaffen, um zu erschaffen, zu synthetisieren, dürfen sie, getrieben von einer quälerischen Meute retrophiler Schundärzte seit 1980 jeden Tag 1 x 1 berechnen. Wie ein Maler, der gezwungen wird, täglich mit Filzstiften Marienkäfer zu zeichnen. In der Synthiebastei besteht man auf den mittlerweile wieder beliebten monophonen Taschenrechner-Klang. Was für ein glücklicher Zufall, wenn die selbstgekochte Marmelade von damals plötzlich wieder den Enkeln schmeckt.
Eigentlich möchte man sich mit der Kritik zurückhalten und dem Fuchs gerührt den späten Spaß gönnen. Interplay heißt seine neue Liedsammlung – Wechselwirkung, Zusammenspiel. Wie die Maschinen aneinander vorbeispielen, ist enttäuschend. Eventuell ist aber gemeint: das Spiel mit denjenigen, die man damals inspiriert hat.

Sonntag, 1. Mai 2011

Kochen...
Ist das Kakao, was da oben auf dem Schaum schwimmt?
Muskatnuss. Aber fast richtig.

Montag, 25. April 2011

Party ist, wenn man sich erst in die eine Hosentasche kotzt und dann in die andere.

Freitag, 8. April 2011

Das passende Noise Cancelling-Profil für Kaufland-Besuche, Untermalung unheimlicher Abende im Regionalexpress, Schutzschild gegen Fußballfans? Salem, Salem, Salem.

Freitag, 25. März 2011

24. Geburtstag (John Maus in Frankfurt)

- Alle Leute im Zimmer stoßen sich an dem einen Stuhl, der drin rumsteht

- Die Angst vorm Umkippen von Stockbetten

- Verpixelte Zähne

- Tauben am Fluss

- Im Zeitschriften-Haltenetz steckt ein raketenförmiger Kuli namens "K1 Schneider". Sir, sie haben ihren Massenvernichtungsstift vergessen!

- Ob es Leute gibt, die Bäume eklig finden?

- Wenn aus einem Sexshop die Kelly Family tönt, weiß ich auch nicht mehr weiter

Donnerstag, 24. März 2011

The Strokes - Angles

Zum vierten Album laden The Strokes ein auf eine Tropeninsel, die sie sich extra haben aufschütten lassen. Sie ist etwas klischiert geraten, es gibt einen gelben Strand mit Palmen und einen großen Vulkan.
Der Tag beginnt frisch und aufgedreht mit Machu Picchu, Sänger Julian Casablancas quietscht vor Freude und wälzt sich im Sand, wird doch der schäumende Stil seines vor zwei Jahren erschienenen Soloalbums fortgeführt.
Er singt davon, wie er unsere Geduld auf die Probe stellen wird. Nicht ganz ohne Grund, denn besonders Wertschätzer des sogenannten ehrlichen Rocks werden mit Angles Schwierigkeiten haben, so dicht liegen Ausgelassenes (die E-Drums von Two kinds of happiness beschwören regelrecht einen schwer amüsierten Schlagzeuger) und Ernstes (das wehmütige Call me back) beieinander. Eines jedoch haben alle Stücke gemein: Sie markieren das Ende der erstickenden klanglichen Dichte früherer Alben der Band - die Strokes spielen jetzt an der frischen Luft, unter pinkfarbenem Himmel.
Mitunter erinnert das an die Musik, die Iggy Pop nach den ersten beiden erfolgreichen Soloalben aufnahm, Karibik-Wave mit absichtlich billig glänzender Insel-Deko. Beinah scheint der Großvater des Garagenrocks anwesend zu sein, irgendwo im Schatten zu dösen und leise mitzusingen. Der Besuch geht zu Ende und es wird klar, dass nicht alles rosig ist auf Rockstar Island, Metabolism lässt die Welt in Flammen untergehen und Life is simple in the moonlight vertont das anschließende Ertrinken. Ob in Wasser oder eigener Langeweile sei dahingestellt, denn gelegentlich entsteht der Eindruck, mancher Song sei als lustloser Witz gestartet, auf halbem Weg habe sich dann aber doch Begeisterung eingeschlichen. Leichtes Ennui war schon immer die Signatur der Band, aber Schwerelosigkeit und Leichtigkeit stehen ihr unendlich besser.

Sonntag, 20. März 2011

Auf meinem Laptop habe ich einen leeren Ordner
"99 [Pollini] Stravinsky Prokofiev Webern Boulez [DG 447 431-2] Maurizio Pollini", jedesmal, wenn ich ihn lösche, ist er nach dem nächsten Neustart wieder da. Zombieordner, gekommen, um mich für immer zu verfolgen!

Montag, 7. März 2011

Arbeite an mehreren Stücken gleichzeitig, lade sie aus mir herunter wie große Dateien. Tage vergehen mit F5, Ikea-Besuchen, tiefgekühlten oder tief gefühlten Mahlzeiten, die keine Festpunkte auf der Uhr sind: so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Denn Abendessen um 18 Uhr war noch nie lustig.

Dienstag, 22. Februar 2011

STUCKRAD LATE NIGHT

Bald sind die ersten zehn Sendungen rum, Auseinandersetzung ist nun erlaubt, genug Proben wurden gesammelt.
Stuckrad-Barre lebt seit Jahren in einem Puppentheater

Die politischen Figürchen bewegen sich, er beobachtet sie sehr genau, er hat ihnen Namen gegeben.

Das schnarrende Barre vom Ulmen

Figuren in Einspielern, die nur zwei Ticks kennen

Schlechtes Zeitgefühl,
immer das Gefühl, er würde die ersten 15 Minuten völlig verschwenden,
die dann dem Gast fehlen

Gründe für Einladungen oft schleierhaft

Der Anspruch, das politische Geschehen ernsthaft zu kommentieren, wird verfehlt

Es tut einem der Nacken weh vom Hochgucken zu Schönbohm

Bisweilen wirklich nur ein Insiderclub, dem das nicht bewusst ist
Politisch betriebsblinde

Politische Blindenschule

Freitag, 21. Januar 2011

Schlechte Träume vor der Prüfungsperiode sind das wabernde, formlose Wissen im Kopf, welches unruhig nach einer festen Form sucht ... oder nach einem besseren Wirt.

Sonntag, 16. Januar 2011

Die gestapelten Sandsäcke auf Hochwasserbildern sehen aus wie Ferkel.

Dienstag, 11. Januar 2011

Unser Bett hat mehrere Fenster. Wir schauen raus, suchen nach Monstern und entdecken immer wieder neue. Ein echter Studentenjob, etwas sinnlos, aber einer muss ihn machen. Dürfen nur nicht auf die Toilette zwischendurch. Anweisung von hoch droben. Der Boss ist aufs Dach rodeln gegangen. Das Zeitfenster dafür ist eigentlich schon fast geschlossen, naja. Jetzt rumpelt es. Vielleicht kommt er gleich zur Tür rein, in einem Schneeanzug. Den muss jemand zum Trocknen aufhängen dann.
Am Wochenende tragen die Monster keine Maulkörbe und schreien sich aus. Dann haben wir noch viel weniger Zeit, Gedichte zu lernen. Für die Aufführung, die zwei Wochen geht und fünf Akte hat, ziemlich klassisch. Samstags und Sonntags sitzen wir am Fenster und machen Notizen, für die es Spielgeld gibt. Das kann man auch futtern. Aber in der Nacht auf Montag verbrennt es immer heimlich.

Montag, 3. Januar 2011

Wir ziehen die Heizungen auf mit einem Schlüssel. Unsere Computer geben die meiste Wärme ab und die Hersteller kriegen von uns Briefe, das bitte niemals zu ändern. Das Internet ist unendlich langsam, weil alle Rückkehrer sich noch etwas anfixen, bevor sie die festen Schuhe anziehen, Dickmützen aufsetzen. Westen anlegen, damit das, was andere im Hörsaal bedrücken, bequetschen, mit Sicherheit nur die oberste Fellschicht sein wird.